#10 Aufdringliche Religionen – z.B. Kirchensteuer


Ali Arbia hat eine lange Liste aufgestellt, in welcher er zeigt wie oft sich Religionen in unser aller Leben einmischen. Das Schöne daran finde ich, dass er gerade nicht zwischen Christentum und Islam unterscheidet.

Religion soll Privatsache sein!

Einer seiner Punkte ist dabei die Kirchensteuer. Es ist für mich wirklich nicht nachzuvollziehen wie es in der (meist) liberalen Schweiz möglich ist, dass in manchen Kantonen die (christliche!) Kirchensteuer unumgänglich ist.

Als natürliche Person kann man in allen Kantonen der Schweiz aus der Kirche austreten und die Kirchensteuer somit vermeiden. Das wird von der Bundesverfassung mit der Religions-, Gewissens- und Glaubensfreiheit garantiert. Sollte man zumindest meinen… Der Kanton Waadt kennt nämlich keine separate Kirchensteuer. Dort finanzieren sich die Kirchen einfach über einen Teil der allgemeinen Staatssteuer! Andersgläubige und Atheisten werden also verfassungswidrig dazu gezwungen eine religiöse Gemeinschaft mitzufinanzieren.

Noch um einiges arger steht es um die juristischen Personen. In den allermeisten Kantonen ist es für juristische Personen (Firmen) nicht möglich die Kirchensteuern zu umgehen – eine Firma kann nicht zur Kirche austreten. So zahlt also der muslimische Türke mit seinem Kebabstand (sorry für das stereotype Beispiel) Steuern an die christlichen Kirchen!

Wenn man bedenkt, dass z.B. die katholische Kirche missionarische Projekte unterhält so wird die Sache gänzlich absurd und peinlich: Die Nicht-Christen der Schweiz werden gezwungen ihre eigene Missionierung zu finanzieren!

Das Bundesgericht wurde auch schon einmal in der Sache bemüht. Erstaunlicher Weise haben die Richter diesen Missstand nicht behoben sondern ihn auch noch zementiert. Die Handhabung wurde mit dem Argument gerechtfertigt, dass juristische Personen schliesslich kein Gewissen hätten.

Die ultimativen Konsequenzen dieser Praxis sind absurder als es jede Satire sein könnte: Selbst wenn es in der Schweiz keine Christen mehr gäbe hätten die Kirchen immer noch Steuereinnahmen!

Zu der Kirchensteuer kommen ausserdem auch noch Zuwendungen von den Kantonen hinzu. Der Kanton Zürich zum Beispiel schiebt der reformierten Kirche 28 Mio. Franken und der katholischen Kirche 22 Mio. Franken in den Arsch (vor 2009 waren es noch 42 Mio. an die Reformierten und 8 Mio. an die Katholiken). Steuergelder von Atheisten und Andersgläubigen werden ohne jegliche Gewissensbisse zwei Vereinen zugehalten welche die Überzeugungen dieser Nicht-Christen aktiv bekämpfen.

Als letzter Punkt zu diesem Thema sind noch die theologischen Fakultäten der Universitäten aufzuführen. Dies betrifft in der Schweiz – soweit ich weiss – nur die reformierte Kirche, die Katholiken finanzieren ihre eigenen Institute. Theologie ist keine Wissenschaft! Deshalb gehört die Theologie auch nicht an eine Uni. Klar gibt es religionswissenschaftliche Bereiche die sehr wohl an eine Uni gehören: geschichtliche, archäologische, sprachliche oder textkritische Aspekte. Aber die Erforschung eines nicht existenten „Gottes“ ist wohl mehr als lächerlich! Und einmal mehr finanzieren Nicht-Christen die christliche Kirche: Die Ausbildung der (reformierten) Theologen.

Dieser letzte Punkt gewinnt neuerdings wieder an Aktualität. So wurde auch schon gefordert, dass die Ausbildung der muslimischen Imame an einer Universität stattfinden sollte. So sehr ich auch die Ausbildung der Imame in der Schweiz befürworte (kein Import von ausländischen – womöglich radikalen – Predigern!), so vehement bin ich gegen die Ansiedlung einer solchen Ausbildung an einer Uni. Neben der unredlichen Finanzierung einer solchen Institution (Nicht-Muslime müssten Steuergelder aufbringen) spielt auch die staatliche Legitimierung eine Rolle: Es würde wieder eine Religion den Anstrich von wissenschaftlichkeit bekommen, allein durch die Ansiedlung an einer Uni.

Auf diesem Blog wird auch auf den Kirchensteuermissstand eingegangen.
Hier wurde auch über die Kirchensteuern gebloggt: „Jeder dritte Kirchenfranken stammt vom Staat.“

In diesem pdf der Schweizer Steuerkonferenz (Januar 2009) ist erfasst, wie die jeweiligen Kantone die Kirchensteuer handhaben.
Und dieses pdf enthält die Zahlentafel dem Aufkommen der Schweizer Kirchensteuern nach Kantonen.

3 Gedanken zu „#10 Aufdringliche Religionen – z.B. Kirchensteuer

  1. Neugierig gemacht duch deine Kommentare bei mir musste ich doch mal einen Gegenbesuch abstatten.

    Kirchensteuern – nett, mal zu wissen, wie die Schweiz das handhabt, in D ist es tatsächlich anders. Juristische Personen zahlen keine, es kann also jeder austreten. Jedoch wird bei der Berechnung des Arbeitslosengeldes jeder so gestellt, als habe er von seinem Bruttolohn Kirchensteuern gezahlt. Davon profitieren allerdings die Kirchen nicht, nur die Arbeitslosenversicherung zahlt dadurch weniger.
    Andererseits gibt es einen großen Bereich von Staatsfinanzierung der Kirchen – bis hin zu manchen Gehältern aufgrund alter Abkommen, daher zahlen auch Menschen, die in keiner Kirche sind, in D an die Kirchen mit über Steuern.

    • Ich fasse es natürlich als Kompliment auf, wenn ich dich neugierig machen konnte😉.
      In der Glaubenslandschaft gibt es auch einen gewaltigen Unterschied zwischen der Schweiz und Deutschland: Währendem es in Deutschland je etwa einen Drittel Protestanten, Katholiken und Atheisten gibt, so bezeichnen sich in der Schweiz bloss 11% der Bevölkerung als Atheisten oder Agnostiker und fast 90% sind in einer christlichen Landeskirche.
      Ich vermute, dass in Deutschland die Atheisten schon sehr bald nach mehr Geltung/ Repräsentation verlangen und bekommen werden; in der Schweiz ist eine weitergehende Säkularisierung (insbesondere in der Kirchensteuerfrage) momentan kaum machbar.

  2. Pingback: Privatsache Religion oder Warum es Religionskritik braucht « Skydaddy's News

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