#17 Das pervertierte Publikationssystem des Wissenschaftsbetriebs


Frage: Was ist ein guter Wissenschafter?
Antwort: Einer der viele Artikel veröffentlicht
.

So simpel ist das. Du möchtest Professor werden? Na dann schau zu, dass du möglichst viele Artikel in möglichst guten Magazinen (Journals) unterbringst. Deine Artikel sollten natürlich noch möglichst viel zitiert werden, aber das kommt ganz von selbst, wenn du erst in den „guten“ Journals publizierst.

Die Anzahl Publikationen multipliziert mit der Reputation (=Impact Factor) des jeweiligen Journals ergibt den Marktwert eines Wissenschafters (es gibt natürlich auch noch andere Indices, z.B. den h-Index). Diese Zahl ist zum absoluten Fixpunkt in der Wissenschaft geworden, insbesondere in den Naturwissenschaften. Es ist schlicht das Mass aller Dinge.

Allein schon dieser Umstand wäre einmal eine genauere Betrachtung wert. Da wird einem plötzlich klar, weshalb man auf so viele sozial inkompetente Professoren trifft. Im Gegensatz zur Wirtschaft wird bei der Besetzung eines Lehrstuhles (also einer akademischen Führungsposition) kaum auf soziale Kompetenzen geachtet – was zählt sind die Publikationen und vielleicht noch Methodenkenntnisse im betreffendem Fachgebiet. Das aber nur nebenbei.

Nun zur Sache: Alle „guten“ Journals sind entweder britische oder VSA¹ Zeitschriften. Wer es als Wissenschafter also zu etwas bringen möchte muss in angelsächsischen Zeitschriften publizieren.

Das soll man sich ruhig erst einmal auf der Zunge zergehen lassen… Um in der Schweiz, Deutschland oder der Ukraine Karriere machen zu können ist man gezwungen in angelsächsischen Journals zu publizieren. Unglaublich.

Unglaublich weil (1) alle deren Muttersprache Englisch ist einen gewaltigen Vorteil haben, (2) die Journals keine Honorare für die Artikel zahlen und (3) die Journals marktwirtschaftliche Unternehmen sind.

Zu (1) muss ich wohl nicht viele Worte verlieren; eine Lingua franca ist auch nicht per se schlecht und Englisch ist mir allemal noch lieber als Chinesisch (was sollen aber die Chinesen sagen? Die müssen in einer Sprache publizieren, welche sogar einer anderen Sprachfamilie entstammt!).

Punkt (2) ist dann aber schon ein harter Brocken: Die Journals zahlen nichts für die Artikel die ihnen die Wissenschafter liefern. Es sind also die Steuerzahler der jeweiligen Länder, welche den Journals die Artikel finanzieren. Das gibt doch schon etwas zu denken. Und nun muss man noch (3) in die Überlegung einschliessen. Die meisten Journals sind freie Unternehmen, die versuchen Gewinn zu machen.
Punkt (3) ist in zweierlei Hinsicht bedenklich, da erstens mit Steuergeldern aus anderen Ländern Geld gemacht wird und zweitens müssen die Journals dadurch auch eine spezielle Auswahl an Artikeln veröffentlichen, d.h. Artikel welche die Zeitschrift dann auch attraktiv machen.

Ich verdeutliche nochmals: Wir Schweizer, Deutsche, Europäer, Afrikaner, Asiaten, Südamerikaner, ALLE! finanzieren mit unseren Steuern (Löhne der Wissenschafter, Budget der Universitäten) britische und US-Zeitschriften! Es sind Briten und US-Bürger welche Löhne bezahlt bekommen für Artikel die ihnen die Welt gratis zur Verfügung stellt. Warum fordern die Universitäten nicht wenigstens gratis Abonnemente von Zeitschriften für die sie Artikel produzieren?

Die Karrieren von Wissenschaftern aus: der Schweiz, Deutschland, Europa, … hängen an Redaktionen von britischen und US-Zeitschriften. Unglaublich.

Erstaunlich, dass die Wissenschafter ausserhalb Englands und den VSA dabei mitspielen. Doch das ist ja gerade das Perfide! Sie können gar nicht aussteigen: Ihre ganze Karriere, ihre ganze Reputation hängt davon ab, dass sie in genau diesen Zeitschriften veröffentlichen können. Deshalb spielen sie mit. Deshalb verlangen sie kein Geld für ihre eigene geleistete Arbeit (nun ja, das Geld für die Artikel müsste eigentlich von den Universitäten eingefordert werden).

Meiner Meinung nach müsste diesem Treiben Einhalt geboten werden. Und zwar von staatlicher Seite. Beispielsweise so:

(a) Erstpublikationen nur in der Landessprache der betreffenden Universität.
(b) Keine Publikationen in marktwirtschaftlichen Zeitschriften.
(c) Für die Bewertung eines Wissenschafters sollten nicht nur die Publikationen zählen, sondern auch die Qualität der Arbeit (darüber gibt der Impact Factor nämlich keine Auskunft). Und für Führungspositionen (Professuren) muss auch auf soziale Kompetenzen geachtet werden!

¹VSA: Vereinigte Staaten von Amerika

Zum Thema Publizieren und Zitieren kann ich folgende aufschlussreiche Blogbeiträge von Ulrike Kammann empfehlen:

(1) Das Zitierkartell
(2) Die Zeitschrift
(3) Die Koautoren

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