#26 Atheismus ist auch nur ein Glaube


Immer wieder bekomme ich diesen Satz zu hören und zu lesen, was mich natürlich ärgert. Mich ärgert vor allem die unreflektierte Analogie mit der Religion:

„Theismus ist ein Glaube – Atheismus ist ein Glaube“.

Gleich drei Unredlichkeiten verstecken sich darin!

A. Begriffliche Vermischung
B. Herstellung von Gleichwertigkeit
C. Absurde Logik

A.
Wer so verfährt, der missbraucht die Mehrdeutigkeit der Begriffe „Glaube“ und „glauben“ für seine Zwecke. Werfen wir doch einen Blick ins Wörterbuch. Zu „glauben“ (Verb):

1. Etwas vermuten, annehmen, der Meinung sein.
2. Dinge, die objektiv nicht bewiesen sind, auf Grund innerer Überzeugung für wahr halten.
(2. Dinge, ohne empirische Evidenz und Notwendigkeit, auf Grund innerer Überzeugung für wahr halten.)
3. Eine religiöse Überzeugung haben.

Wenn wir den Term „Theismus ist ein Glaube“ nehmen, dann ist klar, dass „Glaube“ für „eine religiöse Überzeugung haben“ steht (einen metaphysischen Glauben). Auch die zweite Bedeutung des Verbs „glauben“ schwingt mit: „Dinge, die objektiv nicht bewiesen sind, auf Grund innerer Überzeugung für wahr halten“ – leider muss man sagen, dass „bewiesen“ hier ein unglücklich gewählter Begriff ist; was kann man schon objektiv beweisen (abgesehen von der Mathematik)? Ich erlaube mir mal für „die objektiv nicht bewiesen sind“ den Term „ohne empirische Evidenz und Notwendigkeit“ einzusetzen.

In der Analogie „Atheismus ist ein Glaube“ kommt man so zum Schluss, dass auch der Atheismus eine religiöse Überzeugung sei, welche „ Dinge, ohne empirische Evidenz und Notwendigkeit, auf Grund innerer Überzeugung für wahr halten“ möchte.
Diese Deutung KANN zugegebenermassen richtig sein. Beispielsweise tendieren atheistische kommunistische Regimes in diese Richtung (als totalitärer Säkularismus). In der überwiegenden Mehrheit ist diese Deutung aber falsch. Ein ausgezeichneter Artikel dazu vom hpd: Ohne Gott ist alles erlaubt?. Klare Worte dazu auch auf dem Blog Evidenz-basierte Ansichten: Atheismus ist irrelevant.
Festzuhalten ist dennoch, dass aus Atheismus noch nie getötet wurde. Die Verbrechen des Stalinismus (oder Maoismus) kommen aus der Ideologie des Stalinismus – auch wenn Kommunisten Atheisten sind. Für Religionen und für Götter wurde hingegen schon Millionenfach gemordet! Dem Atheismus wohnt keine Logik inne, welche zur Tötung von anderen Menschen führen kann – ganz im Gegensatz zu Religionen.
Der Satz „Atheismus ist ein Glaube“ muss/kann viel mehr mit der ersten Bedeutung des Verbs „glauben“ in Verbindung gebracht werden: „Etwas vermuten, annehmen, der Meinung sein“. Der Atheismus „vermutet, nimmt an“, dass es keine Götter gibt.

Es wird in der Analogie also zweimal der Begriff „Glauben“ benutzt, dazu noch in der identischen Satzstruktur, doch der Begriff hat nicht zweimal die gleiche Bedeutung. Begriff und Satzstruktur stellen eine Nähe her, welche gar nicht gegeben ist.

Ohne weiteres kann auch nicht behauptet werden der Atheismus sei ein metaphysischer Glaube! Schliesslich antwortet der Atheismus nur auf genau eine Frage: „Gibt es einen Gott?“
Daraus ergibt sich keineswegs automatisch ein Glaubenssystem! Man kann sein Leben nun anderen Inhalten (und „Werten“) zuwenden, kann einen positiven Humanismus und Naturalismus vertreten (oder materialistische, nihilistische, utilitaristische, feministische, kommunistische Standpunkte einnehmen).

B.
Die Analogie „Theismus ist ein Glaube – Atheismus ist ein Glaube“ stellt weiter auch eine nicht vorhandene Gleichwertigkeit zwischen den Begriffen Theismus und Atheismus her.
Als Atheist kennt man die Verhöhnung „Atheisten glauben sie haben aus rationalen Gründen ihren Nichtglauben“; nur trifft dies eben gerade zu! Es IST rationaler NICHT von der Existenz eines Dinges auszugehen, von dem jegliche empirische Evidenz fehlt.

Das Prinzip ist einfach: Wer postuliert muss auch beweisen (bzw. empirische Evidenz liefern). Dies ist eine erkenntnistheoretische Einschränkung, weil „Nichtexistenz“ nicht bewiesen werden kann. Nochmals: Es ist nicht möglich zu beweisen, dass etwas nicht existiert (Negativbeweis). Alles was man tun kann ist Fälle zu Sammeln, in welchen etwas existiert.

Bekannt ist „Russells Teapot“: Man kann behaupten, dass eine Teekanne im Weltall um die Sonne kreise und niemand kann das Gegenteil beweisen. (Vorausgesetzt die Kanne ist klein genug um von Teleskopen nicht erfasst zu werden). Deswegen ist die Behauptung aber nicht gleichwertig mit der Behauptung, dass keine Teekanne um die Sonne kreise. Ohne jegliche empirische Evidenz ist es vernünftiger davon auszugehen, dass KEINE Teekanne um die Sonne kreist.

Noch ein Beispiel: Ich behaupte es existieren grüne Einhörner auf der Erde! Niemand kann beweisen, dass es keine grüne Einhörner auf der Erde gibt. Dennoch sind die beiden Behauptungen nicht gleichwertig! Ohne jegliche empirische Evidenz ist es vernünftiger davon auszugehen, dass sich KEINE grüne Einhörner auf verborgenen Weiden laben.

Das Prinzip ist eigentlich allen bekannt. ALLE Forschung funktioniert nach diesem Prinzip! Alles „Neue“, „Aufregende“ oder „Wirkende“ muss gegen die Nullhypothese (die wäre: „alt“, „langweilig“, „wirkungslos“) getestet werden, sonst bleibt es einfach eine These, eine Behauptung.
Beispielsweise bei pharmazeutischer Forschung: Nullhypothese = „Medikament wirkt nicht“; Alternativhypothese = „Medikament wirkt“. Erst muss gezeigt werden, dass das betreffende Medikament in einer Studie signifikant besser abschneidet als „kein Medikament“ (also ein Placebo). Wird dieser empirische Nachweis erbracht, darf von einer Wirkung des Medikaments gesprochen werden – sonst nicht (aus diesem Grund „wirken“ homoeopathische Mittel auch nicht!).

Kommen wir zum Schluss: Die Nullhypothese „kein Gott“ IST vernünftiger als die Alternativhypothese „Gott“ – da keinerlei empirische Evidenz für die Alternativhypothese vorhanden ist. Die beiden Behauptungen sind also keineswegs Gleichwertig!
Gläubige behaupten an dieser Stelle gern, dass sehr wohl empirische Evidenz vorhanden sei. Um es kurz zu machen: Das sind nur wiederum Behauptungen. Vielleicht gehe ich an anderer Stelle auf diesen Punkt ein. Interessanter finde ich die Unterscheidung zwischen einem Nicht-Eingreifenden Gott und einem konkreten (christlichen, islamischen, etc.) Gott. Zum „agnostischen Fehlschluss“ hat aber „Astrodicticum simplex“ einen ausführlichen Artikel verfasst.

C.
Die dritte und hoffentlich letzte Schlaumeierei, welche sich in der Analogie „Theismus ist ein Glaube – Atheismus ist ein Glaube“ verbirgt, ist von stupider Art.
Gläubige stellen schliesslich mit der Behauptung „Dein Nichtglaube ist auch ein Glaube“ die Gleichung „Nichtglaube = Glaube“ auf. Nach ihrer Logik führt der „Nichtglaube“ direkt zu einem metaphysischen Glaubenssystem. Wenn dem so wäre, dann hätten nicht nur Atheisten einen Glauben! Monotheisten würden unweigerlich zu Polytheisten mutieren!
Erinnern wir uns kurz an die grünen Einhörner, an welche ein Theist wohl auch nicht glaubt. Nach der „Nichtglaube = Glaube“-Logik wäre nun auch der Theist ein Gläubiger des metaphysischen „Nicht-an-grüne-Einhörner-glauben“-Glauben.
Ebenso glaubt der Theist an viele andere vorstellbare Dinge NICHT und ist dennoch nicht gleich ein Anhänger einer „Nicht“-Religion.

Besonders absurd wird dies in Beziehung zu anderen Religionen: Der Theist einer bestimmten Religion ist faktisch ein Atheist bezüglich allen anderen Religionen. Ein Christ ist Atheist bezüglich des griechischen, ägyptischen, indischen, etc. Götterhimmels. Ist er nun auch gläubig im Sinne eines Nicht-Glaubens? Natürlich nicht! Die Gleichung „Nichtglaube = Glaube“ ist einfach ungültig und absurd.

Punkt C. nochmals als Comicstrip: Nicht-Gaube ist auch Glaube?


„Atheismus ist ein Glaube; so wie ‚off‘ am Fernseher ein TV-Programm ist.“

„Atheismus ist ein Glaube; so wie ‚Glatze‘ eine Haarfarbe ist.“

„Atheismus ist ein Glaube; so wie ‚Nicht-Briefmarkensammeln‘ ein Hobby ist.“


Fazit: Atheismus ist kein Glaube. Er ist schlicht eine rationale Hypothese.

Merke:

Atheismus ist NICHT der Glaube, dass es keine Götter gibt; Atheismus ist das FEHLEN eines Glaubens an Götter.


Kurze Texte zum gleichen Thema:

(1) Hugo Stamm zum Begriff „Glaube/glauben“
(2) gottlosglücklich.de zu „Ist Atheismus nicht auch nur eine Religion?“ und „Widerlegung von ‚Gott‘.
(3) atheismus.ch zu „Auch Atheisten glauben“

2 Gedanken zu „#26 Atheismus ist auch nur ein Glaube

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