#41 Kantonsmacht im Schweizer Parlament – klein gegen gross (3 Diagramme)


Immer wieder gerne ärgere ich mich über die kleinen Kantone in der Schweiz (wie hier, oder mehr wirtschaftlich hier). Es ist nicht der Ärger über ihre Kleinheit an sich – die Kleinen sind auch wirklich süss anzuschauen und lohnend zu bereisen. Ich ärgere mich immer dann, wenn die ungeheure politische Macht dieser Winzlinge zum Vorschein kommt. Meistens erscheint diese Macht in Form eines nicht erreichten Ständemehrs bei nationalen Abstimmungen. Die Macht besteht also hauptsächlich in der Möglichkeit Neuerungen abzulehnen und zu verhindern. Auch die Übermacht der Kleinen im Ständerat hat konkret vor allem Verhinderung oder wenigstens Verzögerung und Abschwächung von Vorlagen zur Folge. Die Macht der Kleinen ist also passiver Art. Möchten die Kleinen nämlich aktiv ihre Macht ausüben – also der Bevölkerungsmehrheit etwas aufzwingen – so können sie das vielleicht im Ständerat, scheitern aber zwangsläufig am Nationalrat. Umgekehrt führt diese Konstellation natürlich dazu, dass die grossen Kantone den Kleinen immer Zugeständnisse machen müssen – so sie eine Vorlage durchbringen möchten. Die grossen Kantone sind also erpressbar durch die Kleinen.

Nun wollte ich mir einmal vor Augen führen, wie gross das Missverhältnis von Ständen und Bevölkerung effektiv ist – sowohl in beiden Räten als auch im Parlament insgesamt. Dazu ordne ich die Stände ihrer parlamentarischen Repräsentation entsprechend an und notiere die kumulative Summe ihrer Anteile – so sieht man sofort wie viele kleine oder grosse Kantone man braucht um 50% der Parlamentsstimmen zusammen zu bekommen und vor allem kann man ablesen, welchem Bevölkerungsanteil diese Kantone dann entsprechen. Als Basis dient mir dabei das Parlament nach den Wahlen 2007.

Ich beginne mit dem Ständerat – der als Standesvertretung naturgemäss im Widerspruch zu den Bevölkerungsanteilen steht. Doch wie schlimm ist es wirklich?

-> Diagramme anklicken und man kann alles entziffern!

Bei Total 46 Standesstimmen braucht man also mindestens 24 Stimmen um eine Abstimmung zu gewinnen. Die kleinen Kantone erreichen dieses Ziel mit 14 Ständen (mit exakt 24 Stimmen) und diese 14 Stände repräsentieren magere 19% der Schweizer Bevölkerung. Wollen die grossen Kantone eine Abstimmung gegen die Kleinen gewinnen, so benötigen sie mindestens 12 Stände (mit 24 Stimmen) welche mindestens satte 81.5% der Schweizer Bevölkerung repräsentieren. Im Diagramm deuten die Pfeile an, von welcher Seite die Standesstimmen gezählt wurden (von links „->“ die kleinen Kantone, von rechts „<-“ die Grossen); im Diagramm wird die Maximalvariante für die kleinen Kantone dargestellt – die Maximalvariante für die grossen Kantone (mit den genannten minimalen 81.5%) sieht leicht anders aus.

Als Gedankenspielerei sei noch nach dem Umgekehrten gefragt: Wie viele Stände brauchen die Kleinen oder Grossen um mindestens für 50% der Schweizer Bevölkerung zu sprechen? Die grossen Kantone erfüllen diese Forderung mit 5 Ständen (welche nur 10 Stimmen haben), die kleinen Kantone aber können der Forderung erst mit 22 Ständen Folge leisten (welche ganze 38 Stimmen haben).

Dieses Missverhältnis ist einfach ungeheuerlich! Es gibt eindeutig zu viele kleine Kantone. Selbstverständlich sollen auch die Regionen der Schweiz in einer Kammer vertreten sein, doch die Gebietsaufteilung der Schweiz ist eindeutig aus allen Fugen geraten. Die Bevölkerung konzentriert sich in vier oder fünf grösseren Kantonen und steht einer Armada von Winzlingen gegenüber.

Um den Ärger etwas zu verdünnen, gehe ich nun zum Nationalrat über:

Man sieht, hier geht es gesitteter zu und her. Die Anteile an der Bevölkerung folgen schön den Anteilen am Nationalrat. Auch hier gibt es Differenzen zwischen beiden Anteilen, doch da es sich um sehr kleine Kantone handelt, halten sich die Verzerrungen aufs Ganze im Rahmen (z.B. hält AI  einen Nationalratssitz, was 0.5% der Totalen 200 Sitze entspricht; die Bevölkerung AI entspricht aber bloss 0.2% der Schweiz; somit ist AI mit 250% seiner realen Grösse im NR vertreten; weil es aber bloss 0.5% des ganzen Rates ausmacht ist die Verzerrung nicht all zu arg).

Im Nationalrat benötigen die kleinen Kantone 22 Stände für eine Mehrheit und repräsentieren dabei 53.4% der Bevölkerung. Umgekehrt benötigen die Grossen bloss 5 Stände für eine Mehrheit und repräsentieren 52.7% der Bevölkerung.

Nun habe ich beide Räte – mit einem Gewicht von je 50% – miteinander addiert (wie hier), um die theoretische totale legislative Macht eines Standes darzustellen.


Man sieht, der Einfluss des Nationalrats schwächt die Übermacht der Kleinen etwas ab. Dennoch: Hinter den mächtigen kleinen 19 Kantonen zur Mehrheit verbergen sich bloss 36.7% der Bevölkerung. Hinter den 9 grossen Kantonen zur Mehrheit sind 67.6% der Schweizer Bevölkerung zu finden.

Umgekehrt beträgt die Vertretung der Bevölkerungsmehrheit der grossen Kantone (52.7%) bloss 37.1% des Parlaments; die Bevölkerungsmehrheit der kleinen Kantone (53.4%) bekommt dagegen eine übermässige Vertretung von 68.1% des Parlaments.

Was daneben noch auffällt sind die beiden Basel. Sie sind mit ihrer halbierten Standesstimme im Ständerat ähnlich schlecht vertreten wie die ganz grossen Kantone.

Ein Gedanke zu „#41 Kantonsmacht im Schweizer Parlament – klein gegen gross (3 Diagramme)

  1. Pingback: #132 Das Ständemehr einmal mehr in der Kritik – mein Update (5 Karten, 4 Diagramme) | atheist raskalnikow

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