#46 Staatskirche – aus atheistischer Sicht


Kann auch ein Atheist etwas Gutes an Staatskirchen sehen? Eventuell kann ich das – jedoch nur unter zwei grossen Vorbehalten.

Das gute an Staatskirchen ist doch, dass die breite Masse in eine gemässigte Religionsausübung geleitet wird. Ich lebe doch viel lieber unter all diesen Wischi-Waschi-Christen als unter Hardcore-Pfingstgemeinden, esoterischen Sekten oder einer muslimischen Mehrheit.

Vielleicht kann man es als eine vorbeugende Besetzung von „Religionsrezeptoren“ in der Gesellschaft sehen. Sind alle schon in einer gemässigten Kirche, dann kann vielleicht auch weniger schädliches, radikales Gedankengut durch die Köpfe der Schäfchen geistern.

Staatskirchen als Jodtabletten – welche Rezeptoren prophylaktisch besetzt halten um empfindliche Organe vor schädlichen Elementen (radioaktivem Jod oder hier: radikalem Gedankengut) zu schützen.

Es scheint jedenfalls so zu sein, dass viele Menschen ein natürliches Bedürfnis nach Spiritualität haben (nun – ich habe dies nicht). Wäre es daher vielleicht nicht vernünftig ihnen von Anfang an eine „staatlich geprüfte Religion“ zu geben? Sonst fallen sie nur einem der vielen Scharlatane (religiöse Sekte, Bachblütentherapie, Geistheilung, Granderwasser, Homoeopathie, Kartenlegen, etc.) zum Opfer…

Auch sind die Staatskirchen eher vom Staat zu kontrollieren, als hunderte von kleinen obskuren Gruppierungen.

Andererseits kann man die gemässigten Kirchen gerade auch als Refugium von radikalen Spin-Offs sehen. Mit den gemässigten Kirchen bleibt „Religion“ eben auch latent in der Gesellschaft vorhanden und kann von Zeit zu Zeit virulent werden. Denn auch die gemässigten Christen haben die Bibel als Grundlage – und die ist bekanntermassen alles andere als gemässigt! Ebenso hat jede Religion einen absoluten Geltungsanspruch – das führt zwangsläufig zu Konflikten mit Nicht- und Andersgläubigen.

Wie auch immer; grossen Vorbehalt habe ich gegenüber der Finanzierung. Es darf niemals so sein, dass Nicht-Mitglieder zur Finanzierung einer Kirche gezwungen werden. Auch Staatskirchen nicht; Staatskirchen dürfen vielleicht von gewissen baurechtlichen Ausnahmen profitieren (Kirchturm) mehr sollte es aber sicher nicht sein.
Einen weiteren Vorbehalt habe ich auch gegenüber dem Verhältnis von Staat und Kirche. In dieser Beziehung muss der Staat immer die Oberhand behalten – die Kirche darf sich nie in staatliche Angelegenheiten einmischen – und ein Ausschluss der Kirchenbeamten von politischen Ämtern wäre zu wünschen.

Mit einer Staatskirche sind aber gerade diese beiden Punkte dauernd gefährdet.

Mein Fazit: In der Theorie sind Staatskirchen vielleicht eine nette Idee. Praktikabel (mit den von mir genannten Zielen) ist das ganze aber kaum. Staatskirchen werden immer zu Molochen mutieren – das ist simple ökonomische (bzw. kapitalistische) Konsequenz. Ausserdem lässt sich das Rad der Zeit nicht zurückdrehen: All die Muslime, Freikirchler und Atheisten kann man nicht – oder nur noch durch brutale Inquisition – wieder in eine verbindliche Staatskirche zurückholen.
Wichtiger finde ich aber: Es gibt kein Wahres im Falschen! Die unmündigen Schafe wären in einer Staatskirche vielleicht besser vor sich selbst geschützt – dennoch wäre es eine Lüge. Und ich mag keine Lügen.

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