#65 Objektives Mass für Glaubensintensität


Auf dem Atheist Media Blog hat „DerAdmiral“ vor einiger Zeit eine Einheit und Skala für Glaubensintensitäten vorgeschlagen. Der Skala ist auf dem AMB eine eigene Seite gewidmet, weshalb ich vorerst auf ein Posting hier verzichtet hatte. Nun wurde die Sache im aktuellen Ketzerpodcast wieder thematisiert – und ich zum reposting animiert. Vielleicht verhelfe ich der Einheit als Multiplikator so zur weiteren Bekanntheit…

Entstanden ist die Einheit erst mal als Jux (und DerAdmiral ärgerte sich wohl ein bisschen über den zunehmend inflationär benutzten (dawkins’schen) Begriff „Religiot“) – doch eigentlich ist sie sehr gut anwendbar. Die Einheit zielt nämlich nicht auf die gefühlte oder angenommene Glaubensintensität eines Gläubigen ab, sondern wird anhand von Handlungsweisen abgeleitet – und ist somit ziemlich objektiv.

Gemessen wird die Glaubensintensität in der neuen Einheit Admiral. Die Skala reicht von 0 Admiral (= Atheist) bis 10 Admiral (= Sektengründer). Hier die vollständige Übersicht, wobei ich einige Bezeichnungen verändert habe:

Admiral [Adm]

0 Adm: Atheist (auch: offener Atheist)
Familie und Umfeld wissen von deinem Atheismus. Spricht dich jemand auf religiöse Themen an antwortest du ganz natürlich mit deinen Überzeugungen. Rituelle Handlungen werden gemieden und höchstens im Rahmen familiärer Verpflichtungen beigewohnt (Taufe, kirchliche Heirat, Beerdigung). Du trittst auch offen politisch für den Laizismus ein.

1 Adm: Versteckter Atheist (auch: verkappter, heimlicher oder vorsichtiger Atheist)
Ist zwar Atheist, kann seine Überzeugung aber nicht offen vertreten. Befürchtet soziale Ächtung oder berufliche Einschränkungen (meist sind beide Sorgen eher unbegründet).
AUCH: Agnostiker – lebt in allen praktischen Belangen als Atheist, nur in der konkreten Frage „gibt es Gott?“ ausweichende Antwort („die Frage ist prinzipiell nicht beantwortbar“).

2 Adm: Korrumpierter Atheist (auch: verführter Atheist)
Ist zwar Atheist, glaubt aber dass Glaube gut sei. Sympathisiert mit einer konkreten Religion bzw. Konfession. Empfindet evt. Scham für den Verlust seines Glaubens. Betont die sozialen Komponenten des institutionalisierten Glaubens. Befürchtet insgeheim, dass es ohne göttliche Instanz kein gesittetes Zusammenleben geben kann („ohne Gott ist alles erlaubt“).

Kommentar: Eine grosse Bevölkerungsgruppe. Vermutlich sind auch viele Berufstheisten in dieser Gruppe zu finden (theologisch Gebildete), da vertiefte Kenntnis der Bibeltexte, der Entstehungsgeschichte und der unzähligen Übersetzungs- und Interpretationsfehler (sowie auch bewusste Fälschungen) dem Vertrauen in die Bibel als Grundlage für den Glauben nicht förderlich ist.

3 Adm: Kulturtheist (auch: Traditionstheist, Gesellschaftstheist oder Wischi-Waschi-Theist)
Wurde in eine bestimmte Kultur mit einer bestimmten Religion hineingeboren und akzeptiert dies ohne weiteres Hinterfagen. Das Wissen über die eigene Religion ist eher überschaubar – vermutet aber, dass es schon irgendwie gut ist. Oft werden in sich widersprüchliche Positionen vertreten.
Weiss ganz genau welcher Religion man angehört, hat aber nur wenig Ahnung von dieser Religion (kann spezifische Fragen nach Glaubensinhalten kaum beantworten – bzw. kennt nur Floskeln und Trivialitäten). Nimmt auch gelegentlich an Glaubensritualen teil (z.B. Weihnachtsmesse).
AUCH: Deisten und ähnliche. „Ich glaube an eine höhere Macht“. „Gott ist die Liebe“.

Kommentar: Grösste Bevölkerungsgruppe der europäischen Demokratien.


4 Adm: Rhetorischer Theist (auch: Verbaltheist)
Kann sich sehr gut artikulieren, argumentiert auf hohem intellektuellem Niveau und hat fundierte Kenntnis des eigenen Glaubens. Verteidigt seinen Glauben bei jeder Gelegenheit mit Inbrunst – was aber auch die religiöse Hauptaktivität darstellt. Nimmt kaum an Glaubensritualen teil (~ der Verbaltheist analog zum Verbalerotiker).

5 Adm: Ritueller Theist
Erfüllt Glaubenspflichten zuverlässig (z.B. regelmässiger Kirchenbesuch, Beichte,  Ramadan oder Speisevorschriften) und dies unabhängig von seinen inneren Überzeugungen.

Kommentar: Diese Gruppe hat eine stark festigende Funktion in der religiösen Gesellschaft. Gerade das Judentum funktioniert über das blosse Erfüllen von Ritualen – selbst von absolut atheistischen Gemeindemitgliedern. Auch in islamischen Ländern kommt dieser Gruppe eine immens wichtige Rolle zu.
Umso grösser der Anteil ritueller Theisten in einer Gesellschaft, umso schwieriger ist es wohl sich offen als Atheist zu erkennen geben können. Je stärker sich eine Religion in gesellschaftlichen Ritualen festsetzen kann, umso hartnäckiger setzt sie sich in einer Gesellschaft fest.

Bis Mitte des 20. Jahrhunderts wohl die grösste Bevölkerungsgruppe auch in europäischen Ländern. In muslimischen Ländern – durch soziale Kontrolle –  nach wie vor die grösste Gruppe (nach dem Koran darf man sogar Atheist sein, nur die öffentliche Zurschaustellung – wie die Nicht-Erfüllung der Gebete – ist nicht erlaubt; d.h. solange man nur heimlich Atheist ist und alle religiösen Pflichten erfüllt ist man dennoch glaubenskonformer Muslim… ironisch nicht?).

6 Adm: Event-Theist (auch: Reisetheist)
Nimmt gerne an religiösen Grossanlässen teil (Kirchentage, Papstbesuch, Hadsch, Pilgerfahrt). Stellt sich auch bei Demonstrationen für die Religion in die Menge. Liebt den Gedanken aktiv etwas für seine Religion zu tun – wobei sich die Aktivität aufs Reisen beschränkt. Unterbricht sein übliches, alltägliches Leben um an einer religiösen Aktivität teilzunehmen.

Kommentar: Auch Atheisten können den Jakobsweg wandern – sie tun dies jedoch nicht aus religiöser Motivation.

7 Adm: Religiot
Macht sich bei jeder Gelegenheit öffentlich für seinen Glauben lächerlich. Seine Aktionen sind peinlich und oft auch gefährlich (Flaggenverbrennen, Gebrüll am Strassenrand, Aufmarsch mit peinlichen Plakaten, Bedrängen von Frauen vor Abtreibungskliniken, Stören von Soldatenbegräbnissen, etc.). Dogmatische Interpretation der Glaubensquellen und Vernachlässigung des historischen Kontext. Positionen sind anachronistisch und einer liberalen Gesellschaftsordnung entgegengesetzt.

8 Adm: Schwerer Religiot
Wie bei 7 Admiral plus Aggression – dazu zählt sowohl Autoaggression (wie Selbstgeisselung) als auch Gewalt gegen Dritte (z.B. Steinwurf auf dänische Botschaften). Zu schweren Gewalttaten nur in der Gruppe fähig – als Einzelperson relativ harmlos, verheerend im Mob.

9 Adm: Militanter Religiot
Im religiösen Wahn gefangen und bereit sein Leben für den Glauben zu Opfern. Möglich sowohl aktiv als Selbstmordtäter als auch passiv als sturer Idiot auf verlorenem Posten. (Beide Formen werden als „Märtyrer“ verehrt)

10 Adm: Verkünder
Kennt die alleinige und absolute Wahrheit. Hat besonderen Zugang zum Göttlichen. Empfängt persönlich Offenbarungen und/oder andere Verlautbarungen. Verfasst (oder „findet“) eigene heilige Schriften. Religionsstifter, Sektengründer, Guru oder Diktator.

Anmerkung: Die Intensität ist stetig ansteigend, ausser bei 4 und 5 Admiral. Diese beiden Stufen können sowohl gleich intensiv als auch in umgekehrter Reihenfolge in Erscheinung treten. Im Allgemeinen trifft die Reihenfolge – nach Gewichtung des Nutzens für die Religion – aber wie dargestellt zu.

Um mich selber noch einzuordnen: Ich schlitterte vom Kulturtheisten (3 Adm) als Teenager langsam in den korrumpierten Atheismus (2 Adm) hinein. Obwohl ich prinzipiell schon Atheist war liess ich mich noch konfirmieren – einerseits aus gesellschaftlichen Gründen (der Familie, Grosseltern zu liebe), andererseits weil ich wirklich auch noch dachte, dass der Glaube UND die Kirche gut seien. Später wollte ich dann auch zur Kirche austreten, blieb aber auf Wunsch meiner Eltern vorerst mit dabei. So war ich wohl ein paar Jahre ein heimlicher Atheist (1 Adm). Seit bald 10 Jahren bin ich nun aber zur Kirche ausgetreten und stehe auch offen zu meinem Atheismus (= 0 Adm).

3 Gedanken zu „#65 Objektives Mass für Glaubensintensität

  1. Vielen Dank für die freundliche Erwähnung.

    Ich wollte noch anmerken, dass wir auf dem Atheist Media Blog eine Umfrage zur Selbsteinschätzung laufen haben. Im Moment haben wir 64% mit 0 Admiral und 13% mit 1 Admiral, was jetzt nicht überrascht für eine Webseite, die blasphemieblog2… heißt.

    Alle anderen Stufen sind ziemlich gleich verteilt, wobei die Gruppe mit Selbsteinschätzung 10 Admiral (fast 4%) mir etwas Angst machen würde, wenn ich nicht wüsste, wie viele Scherzkekse heutzutage an der Maus sitzen…

  2. Ein hohes Ziel, die Glaubensintensität zu messen und dies auch noch objektiv.🙂

    Meiner Meinung nach zeigt aber die oben genannte Skale nur, als wie gläubig sich jemand gegen Aussen zeigt, was in der Beschreibung zum Teil auch zum Vorschein kommt. Dies hängt natürlich auch stark vom gesellschaftlichen Kontext ab und hat mehr mit der Sozialisation als mit dem wirklichen Glauben zu tun.
    Als Beispiel wird in einem abgelegenen, erzkatholischen Bauerndorf in der Innerschweiz vom Nachbar in dieser Beziehung einfach etwas anderes erwartet als in einer eher anonymer Grossstadt. So wird im Dorf der Prozentsatz der sonntäglichen Messebesucher höher sein als in der Stadt, ohne dass dies etwas über den wirklichen Glauben der einzelnen aussagen muss.
    Noch extremer wäre das Beispiel von jemandem, der in einer stark fundamentalistisch geprägten Gesellschaft aufwächst. Da musste er als Atheist wohl zumindest mit Ausgrenzung rechnen, wenn nicht gar um sein Leben fürchten. Da ist es einfacher und gesünder, bei der Flaggenverbrennung dabei zu sein. Dies muss aber gar nichts zu seinem Glauben oder zu dessen Intensität aussagen, sondern zeigt eher die Realität der Gesellschaft.

    Ausserdem ist die Skala (immer meiner Meinung nach!) stark an den traditionellen Kirchenbilder oriantiert. Wie wird jemand eingeordnet, der eine intensive Beziehung zu Gott hat und tief gläubig ist, dessen Gott aber überhaupt nichts zu tun hat mit der „offiziellen“ Version und er darum nie an irgend welchem Kirchen-Event teilnimmt sondern Sonntags in seinem Zimmer für sich alleine betet und meditiert?

    • Ja die Skala beschreibt den nach aussen sichtbaren Glauben – deshalb auch: objektiv. Andere Versuche die Glaubensintensität zu messen beruhen immer auf der Selbsteinschätzung des Probanden – sind also a priori immer subjektiv.
      Der tiefe Glaube einer Person ohne jede Handlungsweisen beeinflusst das Leben anderer (hier: Nicht- oder Andersgläubigen) auch nicht oder wenigstens nicht negativ. Die in der Admiral-Skala genannten Handlungen beeinträchtigen das Leben anderer Personen zum Teil stark und sind deshalb auch zu kritisieren.

      Zumindest der erste Punkt ist im Artikel schon klar deklariert – deshalb verstehe ich die Kritik gar nicht.

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