#70 Ich und die SVP


Heute will ich versuchen meine Position und Gedanken zur SVP festzuhalten – spontan und so locker wie möglich.

Ich bin kein Fan der SVP. Auch ärgere ich mich hin und wieder über die dämlichen Plakate (und finde die Plakatverhunztexten eine sehr witzige und kreative Protestidee) und besonders nervt mich die betonte bis bemühte Volkstümlichkeit.
Viele Plakate fand ich zwar grenzwertig, doch im Rahmen der Meinungsfreiheit sollte es auch möglich sein kontroverse Plakate aufzuhängen. Bei jenen Plakaten, auf welchen anderen Parteien perverse Motive unterstellt werden sehe ich dies aber anders. Wie kann es legal sein zu sagen: „Linke und Nette wollen, dass xxx weiter vergewaltigt!“ ? Hier finde ich, man hätte die SVP anzeigen sollen* – es ist schliesslich eine Lüge die über andere verbreitet wird – niemand „möchte“ dass jemand vergewaltigt wird.
Die bemühte Volkstümlichkeit nervt mich auch tödlich. Immer müssen sie „hemdsärmlig“ rumlaufen und dann auch noch hemdsärmlig und möglichst ungeschliffen sprechen – manchmal ist das ja ok, auf die Dauer aber nervig und langweilig. Auch die dauernde Selbstinszenierung als „Mann aus dem Volk“ – oft auch noch bewusstes „sich dumm stellen“ ödet mich an und macht mich auch als Schweizer verlegen. Die Volkstümelei wirkt vielfach aufgesetzt – unbedingt will man die SVP-Evergreens „…das geht auf keine Kuhhaut!“ oder „… das schläckt kei Geiss weg!“ vor der Kamera los werden, in Foren ist der SVP-Fan an peinlichen Zurechtweisungen wie „…erst denken, dann schreiben!“ und vielen Ausrufezeichen (!!) zu erkennen.
In Diskussionsrunden auf SF frage ich mich des öfteren auch, ob sich die SVPler nur dumm geben oder tatsächlich auch nicht so helle sind. Andere Teilnehmer versuchen nämlich eine Diskussion am laufen zu halten und auf Argumente ernsthaft einzugehen – allein bei der SVP sehe ich ständig nur ein dumpfes Herunterleiern der Parteistandpunkte und einiger wenigen Schlagworte (machen andere Parteien auch, nur die SVP hält sich besonders strikt an die Anweisungen ihrer Medienberater).

Aber eigentlich sind das alles nur Nebensächlichkeiten.

Dass die SVP auf viele Probleme (und auch wenn es manchmal nur scheinbare Probleme waren) mit Ausländern hingewiesen hat, dem allgemeinen Unbehagen eine Stimme gegeben hat – das finde ich NICHT schlecht. Gerade hier sehe ich die Existenzberechtigung der SVP – auch wenn ich die rassistischen Auswüchse natürlich ablehne.

Es hat mich in der Vergangenheit sehr von der SP entfremdet – obwohl ich sehr für einen sozialen Ausgleich bin, dass die SP das Ausländerthema systematisch bagatellisierte. – Die Ängste in der Bevölkerung sind real und es ist egal, ob diese Ängste begründet oder unbegründet sind – ernst nehmen und thematisieren muss man sie dennoch! Gerade durch die Bagatellisierung hat die SP (und andere) der SVP viel Raum zur Entfaltung gelassen.

Auch wenn ich mich oben über die bemüht volkstümlichen Sprache ärgere – manchmal hört man von der SVP doch – in der Schweizer Politik – sonst unüblich klare Worte. Das finde ich lobenswert. Ob der perfekt geschlechterneutralen Ausdrucksweise der SP ist mir schon manch einmal der Appetit vergangen…

Worüber ich mich wirklich enerviere (nebst den rassistischen Tendenzen) ist die schizophrene Verbindung von Landwirtschaft und SVP. Alles und jedes was die SVP sagt und tut ist immer unter der Klausel „ausser in der Landwirtschaft“ zu verstehen. Eine solche Bigotterie ist für mich kaum auszuhalten! (Es ist für mich auch schwer zu verstehen, dass es die Bauern selbst nicht erkennen und gleich SP wählen – die SP steht schliesslich für MEHR Staat).

Die SVP…
– ist gegen Subventionen – ausser in der Landwirtschaft!
– ist gegen ausländische Arbeitnehmer – ausser in der Landwirtschaft! („Praktikanten“ aus Moldawien!)
– ist gegen Zölle und für Freihandel – ausser in der Landwirtschaft!
– ist gegen Staatseingriffe in die Wirtschaft – ausser in der Landwirtschaft!
– ist für Selbstständigkeit und Eigenverantwortung – ausser in der Landwirtschaft! („EHEC“Gurkenentschädigung)

Man könnte sicher noch mehr Punkte finden… Es ist klar, die Bauern werden als Propagandavehikel von der SVP benutzt – und sie lassen sich diesen Nutzen auch etwas kosten. So wird eine Minderheit von 3.8% der Schweizer Bevölkerung massiv bevorteilt und im Gegenzug all die archaischen Bilder und Emotionen des Dunstkreises „Landwirtschaft“ monopolisiert.

Aus diesen Landwirtschaftsbildern wird dann ein Image der Partei „für den kleinen Mann“ gezimmert – obwohl die SVP (Steuer)-Politik den Reichsten sehr entgegen kommt. Steuersenkungen sind nun mal nicht gut für „den kleinen Mann“ – besonders nicht bei den stark progressiven Schweizer Steuern – nein, sie sind gut für die Reichsten. Ebenso die Abschaffung der Erbschaftssteuern – die Mehrheit erbt ohnehin nichts und auch wenn ich mir vielleicht 10’000 Franken Steuern sparen kann, was ist das im Vergleich zum Gewinn, wenn jemand eine Milliarde vererbt? Gleiches Thema bei der Handänderungssteuer – gut jetzt spart der Einfamilienhausbauer die 5% einer – zugegebenermassen willkürlichen – Steuer. Gewonnen hat der Besitzlose dennoch nichts – allein die grossen millionen- bis milliardenschweren Immobilienfirmen sparen jetzt ebenso 5% und der Staat (also auch „der kleine Mann“) geht leer aus.

Was schliesse ich aus der Steuersenkungswut der breiten Mittellosen- oder Kleinkrämer SVP-Wählerschaft? Der eigene Egoismus hindert diese Benachteiligten das grössere Bild zu erkennen. Lieber gewinnen sie persönlich ein paar wenige hundert Franken im Jahr und verschenken Millionen an die Besitzenden (ach meine Sprache! Dabei bin ich wirklich kein Kommunist!).
Ich frage mich: Wie kann man das nicht verstehen? Man kann das Geld nur dort holen wo es auch viel hat… Ist in einer Gemeinde der Autoverkäufer oder der Veloverkäufer der Wohlhabendere? – In wohl 99% aller Fälle wird es der Autoverkäufer sein! Weil: Man holt das Geld dort wo es viel hat… und 15% Gewinn von 50’000 Franken für ein Auto ist immer mehr als 15% Gewinn von 800 Franken für ein Velo.

Was ich mir durchaus bewusst bin ist, dass ALLE Parteien solche verlogenen Spiele mit ihren Wählern spielen. Nur treibt es die SVP wirklich auf die Spitze – und es fällt schwer dahinter nicht Bösartigkeit zu erkennen.

Ergänzung1:
Ein weiteres Thema das hauptsächlich anödet: Ständig mimt die SVP den „Underdog“. Entgegen der Realität (SVP stellt die grösste Fraktion im Parlament) spielen sie dauernd die „ach so armen Unterdrückten“. Für mich ist das nur peinlich, falsch und sehr ermüdend.
Das gleiche Thema auch bei der andauernden Medienschelte. Gerne ereifern sich die SVPler über die (angeblich) linke Presselandschaft – in völliger Ignoranz, dass ihr diese „linke Presse“ so viel Platz einräumt wie sonst keiner andern Partei (ist aber im Wahlkampf 2011 nicht mehr ganz so schlimm). Ich gebe aber gerne zu, dass ich bei der Blocherwahl zum Bundesrat dem Tagesanzeiger das Abo gekündigt habe. Ich war zwar auch GEGEN einen Bundesrat Blocher, doch was der Tagesanzeiger Tag für Tag an Gegenpropaganda abdruckte fand ich einer Zeitung nicht mehr würdig.

Die Doppelrolle von Regierungspartei und ewiger Opposition kann ich auch kaum verstehen. Doch so idiotisch das Verhalten der SVP auch ist – mitschuldig ist eindeutig auch das politische System der Schweiz. Es ist eben möglich in der Regierung zu sitzen und unpopuläre Entscheidungen dieser Regierung aktiv (und wahlwirksam) mit Initiativen zu bekämpfen.

Völlig lächerlich finde ich schliesslich die Vereinnahmung alles „Schweizerischen“. Es gibt wohl keine andere Partei die derart un-schweizerisch ist wie die SVP. Mit der SVP hat die totale Veramerikanisierung der Schweizer Politik Einzug gehalten. Auch hier fällt es sehr schwer nicht blosse Bösartigkeit zu sehen.

Sehe ich bei anderen Parteien bei (meiner Meinung nach) schlechten Entscheidungen meist so etwas wie „gut gemeint – doch leider falsch“, so sehe ich bei der SVP oft bewusste Täuschung, Lüge und Bösartigkeit.

* Dennoch war es wahltaktisch sicher gut sich nicht auf die Provokation einzulassen. Der Medienrummel hätte wiederum nur der SVP gedient. Vielleicht hat die SVP auch langsam den Bogen überspannt – wer offensichtlich Dummheiten oder gar Lügen verbreitet wird kaum mehr ernst genommen.

Ein Gedanke zu „#70 Ich und die SVP

  1. Gut geschrieben! Bin ein paar Jährchen älter und staune immer wieder, wie wenig die Blocherjünger über ihren Führer wissen.

    B. kämpfte noch aktiv gegen das Frauenstimmrecht, B. war Präsident der „Arbeitsgruppe Schweiz -südliches Afrika“, einer Lobbyorganisation FÜR die Politik des südafrikanischen Aprtheidregimes. Die Schweiz hat ja dann als EINZIGES Land der westlichen Welt Sanktionen abgelehnt und sich mit dem Handel von Apartheid-Gold einen Namen gemacht….

    Will damit sagen: Beschäftige Dich mal mit der Vergangenheit des Ochlokraten!

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