#71 Wahlhilfe Smartvote in der Kritik


Vor einiger Zeit habe ich mich als Fan der online Wahlhilfe smartvote.ch geoutet. Noch immer kenne ich nichts vergleichbares oder gar besseres als Orientierungshilfe im Wahlgeschäft. Als ich smartvote vor den letzten Parlamentswahlen entdeckt habe war ich wirklich begeistert und erleichtert ein Instrument in die Hand zu bekommen, um meine Überzeugungen ganz konkret mit jenen der Kandidaten zu vergleichen.

Vor smartvote wählte ich – wie vermutlich beinahe alle Schweizer – nach Partei-Image und Sympathien für gewisse Politiker. Und zurückblickend finde ich das ziemlich fahrlässig. Wissen wir doch (aus Studien!), dass die Sympathien für eine Partei grösstenteils durch das Elternhaus geprägt werden (entweder wird die Elternmeinung „vererbt“ – oder es wird in Abgrenzung just eine Gegenposition vertreten). Auch die Sympathie für einen einzelnen Politiker ist ein reichlich ungenügendes Kriterium – denn mit einer guten „Show“ kann jede politische Richtung verkauft werden. Und wir alle lieben eine „gute Show“, nicht aber jede politische Richtung.

Ziel einer „ernsthaften“ Wahl sollte doch sein, dass man 1. sich seiner eigenen Überzeugungen bewusst wird und 2. Personen wählt, welche ähnliche Überzeugungen teilen.

Und ich finde smartvote unterstützt diesen Prozess und zwar in beiden Punkten.

Für mich hatte (ja – ich habe meinen Wahlzettel schon ausgefüllt) in dieser Wahl smartvote einen ähnlich hohen Stellenwert wie die Parteizugehörigkeit. Gewisse Politiker habe ich aufgrund der „falschen“ Parteizugehörigkeit trotz relativ hoher smartvote Übereinstimmung NICHT gewählt (z.B. CVP, EVP, SVP), denn ich möchte diesen Parteien keinen weiteren Raum geben – auch wenn die betreffenden Politiker sehr wohl viele meiner Überzeugungen teilen. Mit einigen Politikern hatte ich überraschend hohe Übereinstimmung und ich wählte sie deshalb – trotz meiner Vorbehalten gegenüber ihren Parteien (ich spreche von der jungen glp und Jungfreisinnigen – wobei ich damit letztlich auch bloss über Listenverbindungen die Mutterparteien unterstütze).
In der Hauptsache bestätigte smartvote allerdings bloss meine Annahmen und bestärkte mich in meiner Wahl – smartvote als „Realitäts-Check“ (stimmt mein Bild der Partei/Politiker auch wirklich mit den konkret vertretenen Positionen überein).

Nun haben verschiedene Blogger aber Kritik an smartvote angemeldet. Und ich finde ihre Kritik – trotz meiner smartvote-Begeisterung – sehr angebracht. Den gröbsten Schnitzer erlaubt sich Politools (die smartvote-Macher) in der graphischen Aufbereitung des Fragebogens (den „Smartspiders“) – besonders die Verortung im Koordinatensystem links-rechts/konservativ-liberal (feiner unterteilt in 8 Achsen) ist ein Knackpunkt. Ich sage bewusst nicht: Ist misslungen – denn Politools versucht sich hier in der äusserst schwierigen Disziplin der Dimensionsreduktion – welche zwangsläufig zu Verzerrungen führt.
Um smartvote gleich etwas zu entlasten muss man aber klar sagen, dass die smartspider oder die smartmap NICHTS mit der eigentlichen Wahlempfehlung zu tun haben. Es ist für die Wahlempfehlung unerheblich wie die Antworten auf gewisse Fragen mit den Achsen (links-rechts/konservativ-liberal) verküpft werden.
Auch in der Kritik stehen gewisse Fragen und Antworten, welche smartvote anbietet – einige sind tatsächlich sehr schlecht gewählt oder gar in sich widersprüchlich (immer dann, wenn zwei unabhängige Punkte miteinander verknüpft werden).
Diese Kritik wiegt schon sehr viel mehr. So kann die Antwort auf eine Frage – trotz gleicher Gesinnung – im schlimmsten Falle gegenteilig ausfallen – je nachdem welcher Teil der Frage mehr gewichtet wird. Solche „zufälligen“ Ergebnisse sind dem Wunsch nach Klarheit bei der Wahlentscheidung natürlich gerade entgegengesetzt.
Schon etwas älter ist die Kritik an den gewählten Bezeichnungen der Pole „konservativ“ und „liberal“ – da der Gegenbegriff zu „konservativ“ eigentlich „progressiv“ und der Gegenbegriff zu „liberal“ eigentlich „repressiv“ oder „restriktiv“ lauten müsste. Doch dies sind bloss nomenklatorische Probleme – die Häufungen wurden durch blosse statistische Verfahren gefunden und erst im Nachhinein arbiträr (aber gefühlsmässig stimmig) benannt.

Konkrete Beispiele werde ich nicht aufführen. Ich verweise dazu lieber direkt an die sehr lesenswerten Artikel einiger skeptischer Blogger:

a) David Herzog: „Wie der Smartspider lügt
b) Ali Arbia: „Ein Hilfsmittel für die Schweizer Parlamentswahlen 2011
c) Philippe Wampfler: „[…] Widerstand gegen die Methode Smartvote
d) Arslibertatis: „Unbeantwortbare Fragen bei smartvote.ch“ und „Die gefährliche Einfachheit der Smartspider
e) Gwendolan: „Eine kritische Anmerkung zu smartspider von smartvote

smartvote.ch ist in zwei drei Artikeln auch auf einige Kritikpunkte eingegangen: Kritik an smartvote

Ein Gedanke zu „#71 Wahlhilfe Smartvote in der Kritik

  1. In meiner abschliessenden Beurteilung über die Online-Wahlhilfen (http://bit.ly/pi32tz) kam ich zum Schluss, dass etwas aussen vor bleibt, nämlich der Faktor Mensch. Zu diesem Faktor Mensch gehört auch der Charakter, also z. B. wie gesprächsbereit, konstruktiv, stur, besserwisserisch, begeisterungsfähig usw. jemand ist.

    Das ist es wohl auch, weshalb nicht alle auf einer Liste gefallen und darum durchgestrichen werden und weshalb auch Personen anderer Parteien „wählbar“ werden.

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