#72 Die Geisteswissenschaften


Was mag ich eigentlich nicht an den Geisteswissenschaften? Warum ertappe ich mich selber bei Gedanken wie „… letztlich ist das ein unnützes Pack.“ ? – Man möge mir meine naive Ehrlichkeit und Offenheit hier nachsehen.

Zu einem sehr grossen Teil ist es wohl der pure Neid welcher aus mir spricht. Ganz ähnlich wie ich grosse Pianisten beinahe schon hasse – einfach weil sie so übermenschlich gut (im Sinne von „versiert“) sind. Ja ich beneide vor allem die sprachlichen Qualitäten dieser Leute. Sie produzieren (im besten Fall) Texte wie eine Symphonie; Texte mit Aufbau, durchkonstruiert, logisch zwingend, sprachlich monumental (oder süffig-elegant) die mitreissen und begeistern, die im Idealfall überzeugen.

[In den Naturwissenschaften wird man heute eher in die gegenteilige Richtung getrieben: Kurz, knapp, stichwortartig, möglichst ohne sprachlichen Ballast soll es sein.]

Sitze ich mit Geisteswissenschaftern in einer kollegialen Gesprächsrunde (mit „Normalsterblichen“), dann bewundere ich oft deren Eloquenz – dagegen muss ich wohl fast schon als einsilbig gelten. Sehr oft ärgere ich mich aber über deren nicht versiegen wollenden Redestrom – und all zu oft muss ich sagen: Ich hätte bloss vier oder fünf Worte für die selbe Aussage gebraucht und nicht vier Minuten Redezeit.
Es ist wohl diese Tendenz zum Aufbauschen welche mir suspekt ist. Da wird über blosse Raumforderung ein Argument produziert – und ein echtes aber kleines und stilles Argument einfach weggedrückt.

Auf das Thema des „Nutzens“ möchte ich gar nicht gross eingehen – denn einen konkreten Nutzen gibt es in diesen Bereichen kaum. Es ist wohl mehr die allgemeine Reflexion unserer Kultur und Gesellschaft, welche einen gewissen Nutzen bringt – und weniger konkrete Arbeiten zu einem Thema.
Was mich natürlich gleich wieder zur Einsicht bringt, dass die Geisteswissenschaften bloss einen – zwar für uns Menschen wichtigen doch – verschwindend kleinen Teil unserer Realität zum Studienobjekt machen: Kultur. Es ist die schiere Arroganz über alle fundamentalen naturwissenschaftlichen Aspekte hinwegzusehen und eine – für den Kosmos – unbedeutende Nebensächlichkeit zum Thema zu wählen.

Arroganz ist überhaupt ein grosses Thema. Geisteswissenschafter rümpfen all zu oft die Nase, wenn sie sehen mit welchen „trivialen“ Problemen sich Naturwissenschafter herumschlagen. Dabei blenden sie geflissentlich aus, dass es just jene „trivialen“ Einsichten waren und sind, welche die grössten Effekte auf unser Wohl und unsere Entwicklung hatten und haben (z.B. Händewaschen gegen Keime oder die Entdeckung des Penicillins durch simples Beobachten). Viele ganz fundamentale Einsichten erfordern keinen genialen Verstand – und wurden kaum je von gelehrten Philosophen gefunden.

Um nochmals auf den Nutzen zurück zu kommen: Der allergrösste Teil allen universitären Forschens (also auch der Naturwissenschaften, Mathematik, Wirtschaft, …) ist faktisch nutzlos. Doch einem kleinen Teil der Bevölkerung kann so ein Auskommen geschaffen werden – und alle 50 Jahre profitiert die Gesellschaft von einer hilfreichen Entdeckung.

Den letzten Punkt möchte ich nochmals betonen, denn ich meine das sehr ernst und ich denke es trifft von allen Disziplinen besonders auf die Geisteswissenschaften zu.
Man könnte auch über all die vielen „unnötigen“ Staatsbeamten lästern – nur haben diese Beamten neben ihrer eigentlichen Aufgabe noch eine Andere: Sie sorgen für Binnenkonsum. Ebenso verhält es sich mit den Geisteswissenschaften – sie bekommen ein Gehalt und können so konsumieren.

Ganz schlimm schliesslich sind die Bildungsdünkel, welche ich kaum je bei einem Naturwissenschafter angetroffen habe. Es ist wirklich eine Seuche, wenn Geisteswissenschafter zu einer blossen Aufzählung von Autoren (zu verstehen als Autoritäten in ihrer Sache) ansetzen.
Es ist meist richtig lächerlich, wenn man hört was man als Bürger an geisteswissenschaftlicher Bildung angeblich alles kennen müsse. Vor allem ist es lächerlich, wenn man sich der absoluten Ignoranz dieser Leute in naturwissenschaftlichen Belangen bewusst ist.

UPDATE 1!
Der Tagesanzeiger hat Emeritus Neyrinck eine Verteidigung der Geisteswissenschaften schreiben lassen (17. Oktober 2011). Für mich selbst sind jene Disziplinen genügen gerechtfertigt durch ihren volkswirtschaftlichen Nutzen – dem Binnenkonsum, sowie durch die Produktion von fähigen Lehrern und Journalisten – auch wenn dies eigentlich gerade NICHT das Ziel der Geisteswissenschaften ist. Neyrinck argumentiert aber in eine andere Richtung: Er will den konkreten Nutzen aufzeigen – und scheitert. Denn alles was Neyrinck vorbringt sind Formulierungen im Konjunktiv… könnte, sollte, müsste. Damit hilft er letztlich nur der Demontage dieser Disziplinen, indem er implizit aufzeigt, dass es im Präsens Indikativ eben gerade keinen Nutzen gibt.

UPDATE 2!
Einen sehr zentralen Punkt habe ich doch glatt grosszügig unterschlagen: Meine eigene Ignoranz gegenüber vielen Aspekten und Themen der Geisteswissenschaften! Ganz nach der Formel „was der Bauer nicht kennt, das isst er auch nicht!“
Mit zunehmendem Alter stelle ich aber auch ein zunehmendes Interesse an gesellschaftlichen oder kulturellen Fragestellungen bei mir fest – was mir früher völlig abging.

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