#73 Umgang mit Fanatikern – subversives Argumentieren


Ein Ausschnitt aus Hubert Schleicherts Buch „Wie man mit Fundamentalisten diskutiert, ohne den Verstand zu verlieren – Anleitung zum subversiven Denken.“

Subversives Argumentieren
Hier liegt der Ansatzpunkt für einen anderen Typus argumentativer Auseinandersetzung, wir wollen ihn das subversive Argumentieren nennen. Der Aufklärer kann nachholen, was in der Kindheit und Jugendzeit versäumt oder verhindert wurde: eine breitere, genauere Information über die landesübliche Ideologie, eine umfassendere Darstellung ihrer Probleme, Seltsamkeiten, Abstrusitäten und der Alternativen zu ihr, das Aufzeigen anderer Denkmöglichkeiten. Der Aufklärer verbindet damit die Frage: Wenn du das alles in vollem Umfang gewusst und gesehen hättest, hättest du dich dann genauso entschieden? Nicht die (immer angreifbaren) Resultate der internen Kritik, nicht das nichts beweisende Predigen einer Gegenideologie bilden die wirksamen Waffen der Aufklärung, sondern das Vorbringen von unangreifbaren, weil wahren, Sätzen über die attackierte Ideologie. Der Aufklärer braucht über seinen Gegner keine böswilligen Erfindungen auszustreuen, und er darf das auch nicht. Der Aufklärer darf auch nicht mit logischen Tricks arbeiten und so tun, als könne er die gegnerische Ideologie „widerlegen“. Ideologien lassen sich nicht widerlegen. Der Aufklärer hat sich an die Wahrheit, an die Tatsachen zu halten, vor allem an jene, die seinem Gegner peinlich sind. Dies (neben seiner stilistischen Brillanz) war z.B. das Geheimnis der Wirksamkeit Voltaires: Er berichtet stets genau und korrekt – gerade deshalb wirken seine oft so abstrusen, lächerlichen, entsetzlichen, beschämenden Geschichten so subversiv: Sie sind böswillig, aber nicht erfunden, nicht verfälscht. Er unterschiebt seinen Gegnern nichts, zerrt aber vieles ans Tageslicht. Er ist immer genau informiert, wenn er angreift. Die grandiose Vielfalt seiner Stilmittel allein, insbesondere seine beissende Ironie, würden nicht erklären, warum er für seine Gegner so gefährlich war. Er greift an, indem er Tatsachen referiert; er überlässt es dem Leser, daraus die Konsequenzen zu ziehen.
Der Aufklärer behauptet in der subversiven Argumentation nicht, irgend etwas zu beweisen oder zu widerlegen. Ganz bescheiden will er nur informieren, ad oculos demonstrieren, andere Denkmöglichkeiten vorführen. Er will nur zeigen, was die betreffende Ideologie alles beinhaltet. Darin liegt ein erheblicher Vorteil. Bei der internen Kritik muss die zur Kritik stehende Ideologie zunächst lauthals akzeptiert werden; bei externer Kritik wird die gegnerische Ideologie von vorneherein negiert; während für das subversive Vorgehen kein vorangehendes Glaubens- oder Unglaubensbekenntnis notwendig ist.
Beim subversiven Argumentieren gegen ein Gedankensystem werden Argumente vorgetragen, die für die individuelle Hinwendung oder Abwendung zu bzw. von diesem System wirksam sein können, die aber im Sinne der Logik nicht konklusiv, logisch zwingend sind. Konklusive Argumente gibt es an dieser Stelle nicht. Es wird vom subversiven Kritiker nie behauptet, dass er das gegnerische Gedankengebäude widerlegt hat oder widerlegen kann.
Das subversive Vorgehen lockert psychische Verspannungen und Fixierungen. Es legt nahe, dass die Dinge vielleicht auch anders sein oder anders gesehen werden können, es hebt die Verengung des Blickes auf. Es schärft den Blick für die Folgen einer Ideologie, es lehrt, Ideologien von aussen zu betrachten, es zeigt, wie man oft einfache Erklärungen an die Stelle von Wundern und Mythen setzen kann, und vor allem, es nennt Unmenschlichkeiten beim Namen, statt sie mit einem religiösen oder ideologischen Schleier zu überdecken. Aber es erhebt nicht den Anspruch, eine Ideologie oder Religion zu widerlegen. Die subversive Argumentation hat nicht die Form einer externen Kritik der Art Was du glaubst, ist falsch; sie lautet: Ich zeige dir, an was du eigentlich glaubst.
Mit der subversiven Argumentation trifft man scheinbar den „Kern der Sache“ gar nicht, sondern demonstriert Dinge, die der Gläubige und vor allem der Fanatiker zugeben, aber für nicht entscheidend halten. Und damit haben sie logisch meist auch Recht. Man demonstriert dem Gläubigen etwa, wieviel Schwindel, Lüge und unkritische Gutgläubigkeit bei Wunderberichten im Spiel sind. Dies lässt sich zeigen, und der Gläubige wird nur matt widersprechen. Aber zugleich wird das nichts an seiner Grundposition ändern, dass Wunder jederzeit möglich und oft genug auch wirklich vorgekommen sind. Trotzdem ist der Hinweis auf die vielen Betrügereien, mit denen man es hier zu tun hat, auf längere Sicht nicht wirkungslos. Es ist kein konklusives, aber ein subversives Argument, der Wunderglauben wird dadurch zwar nicht widerlegt, aber eines Tages obsolet.
Das subversive Verfahren hat seine Grenzen an der Festigkeit der gegnerischen Überzeugung. Wenn wir zeigen können, dass eine bestimmte Massnahme zum Untergang der Menschheit führen kann, so wird irgend jemand vielleicht sagen: Das macht nichts, umso besser; oder: Das muss man eben riskieren. Dagegen lässt sich nichts mehr sinnvoll entgegnen. Aber für gewöhnlich ist die Einsicht, dass eine Massnahme den Untergang der Menschheit nach sich ziehen kann, ein Faktor, der die Entscheidungen der Leute beeinflusst. Deshalb hat es Sinn, in der Diskussion auf ihn hinzuweisen.
Dass freilich der echte Fanatiker durch Argumente welcher Art auch immer nicht zu beeindrucken ist, gehört zu seinen Wesensmerkmalen. Den Fanatiker muss man eigentlich sich selbst überlassen, aber man wird versuchen, die Gefahr, die von ihm ausgeht, zu verringern. Wer gegen einen Fanatismus argumentiert, scheint sich zwar an die Fanatiker zu wenden, um sie von den Vorzügen der besseren, menschlicheren Sache zu überzeugen. In Wirklichkeit richtet er sich aber an die noch nicht oder nicht stark vom Fanatismus Befallenen. Das Ziel des Aufklärers sollte nicht eine „Widerlegung“ des Fanatikers sein, sondern, dass die glühenden Ergüsse des Fanatikers nicht mehr auf Interesse stossen, weil das Publikum dagegen immun geworden ist. Der Weg dahin ist leider lang.
Logisch gesehen ist eine Ideologie, deren Grundprinzipien der aussenstehende Kritiker nicht akzeptieren kann, von diesem auch nicht angreifbar. Nur darf man daraus keine voreiligen Prognosen über die historische Wirklichkeit ableiten. Ideologien sind keineswegs besonders stabil, bloss weil man sie im strengen Sinn nicht widerlegen kann. Ideologien aller Art, auch Religionen, werden nicht besiegt, nicht widerlegt, nicht überwunden. Und trotzdem sind sie etwa so fest wie die Mauern von Jericho, die schon wegen ein paar Posaunen eingestürzt sind. Ideologien werden nicht widerlegt oder besiegt, sondern sie werden obsolet, ignoriert, langweilig, vergessen.
Niemand kann die individuellen Entscheidungen der Menschen mit Sicherheit determinieren; man kann aber dafür sorgen, dass diese Entscheidungen nicht wegen mangelnder Kenntnisse zufällig erfolgen. Was man unbesehen von der heimischen Tradition übernimmt, ist zufällig. Deshalb wendet sich auch der Aufklärer (wie der Ideologe) sinnvollerweise vor allem an die jüngere Generation, die noch zu Entscheidungen fähig ist. Eines hat der Aufklärer dem Ideologen dabei voraus: Der Aufklärer braucht spätere subversive Angriffe gegen seine Prinzipien nicht zu fürchten.
Im folgenden sollen einige häufig benützte subversive Argumentationsverfahren geschildert werden. Es geschieht anhand von Beispielen, die gegenwärtig nicht aktuell sind (möge es immer so bleiben!); gerade deshalb lässt sich daraus etwas für die Zukunft lernen. Den Beispielen liegt keine distinkte und vollständige Klassifizierung zugrunde. Ähnlich wie bei den Figuren des normalen Argumentierens lässt sich auch für das subversive keine überzeugende Systematik angeben, keine klare und erschöpfende Einteilung der möglichen Verfahren. Das ist nicht weiter verwunderlich. Die nachfolgende Darstellung subversiver Argumentationsmethoden ist nach einem ziemlich vagen Gesichtspunkt angeordnet, den man nicht überbetonen sollte. Sie beginnt mit Verfahren, bei denen der Kritiker seinen Gegner bitter ernst, todernst nimmt, und sie endet mit Verfahren, in denen der Kritiker seinen Gegner nicht mehr ernst nimmt, sondern auslacht. Dem entspricht in etwa die Macht und Gefährlichkeit des Gegners. Solange dieser die Macht hat, Scheiterhaufen zu entzünden, kann man ihn nicht einfach auslachen; andererseits wird man sich mit einer zahnlos gewordenen Ideologie, die keine reale Macht mehr hat, nicht auf besonders intensive Auseinandersetzungen etwa über dogmatische Subtilitäten einlassen.

Schleichert, Hubert. (1997). Wie man mit Fundamentalisten diskutiert ohne den Verstand zu verlieren – Anleitung zum subversiven Denken. Beck: München.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s