#74 Smartvote Politikerbeteiligung


Morgen (23. Oktober 2011) ist also der grosse Tag: Die Parlamentswahlen 2011 finden statt. Dabei hat der grösste Teil der Bevölkerung – auch ich – wohl schon per Brief gewählt.

Ich habe mich an meine Vorgabe gehalten und nur Personen auf meine Liste geschrieben, welche sich auch bei der Wahlhilfe smartvote.ch beteiligt haben. Sogar bei den gesetzten Alterslimiten konnte ich mich an meine Ansage halten: Der Durchschnitt liegt bei mir bei 31.4 Jahren, der älteste Politiker bringt es bei mir auf junge 45 Jahre.

Versagt habe ich aber beim Frauenanteil. Ich hatte mir vorgenommen mindestens einen Drittel der Plätze für Frauen einzusetzen – doch ich habe es bloss auf gut 20% geschafft. Das Problem war bei mir der Frauenmangel in den von mir bevorzugten Listen.

Ich habe meine Wahl also durch eine harte Vorbedingung eingeschränkt: Nur Politiker die auf smartvote.ch ihre Antworten öffentlich bekannt geben. Somit ist die Beteiligung der Politiker an Smartvote entscheidend – dann wollen wir mal schauen wie hoch diese Beteiligung dieses Jahr war!

Von total 3473 Kandidaten in der Schweiz sind 2909 auf Smartvote vertreten, dies entspricht 84% und scheint mir schon mal ein ziemlich guter Wert zu sein (alle Zahlen von smartvote.ch hier). Dabei ist letzlich eine möglichst gleichmässige Verteilung der Parteien innerhalb der Wahlkreise entscheidend. Aber schauen wir uns erst einmal die Beteiligung in den Kantonen (= Wahlkreisen) an.

Peinliches Schlusslicht bilden die Hinterwäldler-Kantone Ob- und Nidwalden; nicht ein einziger Kandidat (es sind auch zusammen auch bloss fünf) fand es nötig sich bei Smartvote zu beteiligen. Als nächstes folgt das Tessin mit einer Teilnahme von 71% aller Kandidaten. Trauriger Weise folgt danach mein Wohnkanton Zürich mit blossen 73% Teilnehmenden.

Die gute Nachricht ist nun aber, dass in 13 Kantonen eine Teilnahme von über 90% festzustellen ist, nämlich in: AR, AI, BL, FR, GL, GR, JU, LU, NE, SH, SG, TG, UR. In den kleineren sieben Kantonen nahmen sogar 100% der Kandidaten teil! Mit einer solch grossen Beteiligung wird die Wahlhilfe wirklich brauchbar und repräsentativ – und die Wahlempfehlung ist nicht mehr bloss ein Zufallsresultat aus den wenigen überhaupt Teilnehmenden.

Wichtig ist vielleicht noch ein Blick auf die wirklich grossen Kantone: ZH 73%, BE 87%, VD 83%, AG 84%, SG 94%, GE 75%. Just in den entscheidenden (mandatreichen) Kantonen ist die Beteiligung eher mässig.

Nun kann man hoffen, dass in den grossen Kantonen auch mehr chancenlose Kandidaten antreten – und sich diese dann auch nicht um Smartvote kümmern; die einflussreichen Parteien dagegen könnten – hoffentlich – alle vollständig vertreten sein.

Also habe ich mir die Beteiligung der Parteien an Smartvote im Kanton Zürich angeschaut (Statistik auf smartvote.ch hier):

Partei/Liste Fehlend auf Smartvote
(von total 34 Listenplätzen)
 SVP  16 (fast die Hälfte!)
 junge SVP  17
 SVP inter.  14
 SP  2
 JUSO  4
 SP inter.  3
 FDP  4
 Jungfreisinn  4
 CVP  7
 jung/alt CVP  17 (davon 6 junge)
 GRÜNE  4
 jung/alt Grün  4
 GLP  3
 junge GLP  1
 EVP  0
 junge EVP  3
 BDP  14
 Piraten  0
 konfessionslose.ch  5
 PdA  22 (21)
 AL  5
 EDU  16
 SD  28

Von den wichtigen Parteien beteiligen sich also bis auf die SVP alle ziemlich vollständig. Ich bin also einigermassen beruhigt – SVP hätte ich kaum mehr gewählt. Doch die Parteien sollten sich dabei schon was überlegen… Denn hätte ich mehr als bloss einen SVP-Vertreter in meiner Wahlempfehlung gehabt, so würden evt. auch die Chancen steigen, dass ich den einen oder anderen auch auf meinen Wahlzettel schreibe.

Bei der Beteiligung zeigt sich auch ein interessantes (wenn auch nicht überraschendes) Muster: Konservative und extreme Parteien bleiben der Wahlhilfe eher fern. Extrem Rechte (SD, EDU) und extrem Linke (PdA) können wohl nicht offen zu ihren Überzeugungen stehen…

Witziger Weise spiegelt sich der grosse Anteil an Fehlenden der SVP auch bei der BDP wieder – und auch so ist die BDP als Abkömmling der SVP klar zu erkennen! Wobei ich bei den Gründen bei SVP, BDP und auch CVP nicht den fehlenden Willen zur Transparenz sehe, sondern eher das generelle Unverständnis gegenüber dem „neuen“ Medium Internet. Und dieses Unverständnis liegt wohl auf beiden Seiten, sowohl bei den betreffenden Politikern als auch bei deren Wählerschaft.

So finde ich also meine Vorurteile gegenüber diesen Parteien auch hier einmal mehr bestätigt: Alt, intransparent, verstaubt und oft sogar hinterwäldlerisch. Die Nicht-Teilnahme zeigt für mich eine Art von digitalem Analphabetismus an – was nicht gerade eine Empfehlung für einen Politiker ist. Es zeigt eben sehr deutlich, dass eine Partei wie die Piraten sehr wohl nötig ist, um unsere Parlamentarier in Richtung unserer heutigen Lebenswelt zu führen/stossen.

Mir soll es recht sein – so werde ich auch in Zukunft NICHT den einen oder anderen passenden Kandidaten dieser Parteien auf meinen Wahlzettel schreiben (da mir die Namen gar nicht von Smartvote angeboten werden können…).

EDIT 1
Den Artikel habe ich am 22. Oktober um 12:00 veröffentlicht. Die Zahlenangaben habe ich nur wenige Minuten vorher Smartvote entnommen – es waren insgesamt 2909 Politiker auf Smartvote präsent. Nun ist es bald 17:00 Uhr geworden und ich stelle fest: Es sind total 2910 Politiker. Es hat sich also noch ein Spassvogel eingefunden (ein Zürcher der PdA) – peinlich sowas… so wird versucht in der Analyse nach den Wahlen dem Pranger der Intransparenten und Verweigerer zu entgehen. Aber ich bin zuversichtlich, dass Smartvote dabei auch den Zeitstempel berücksichtigt und in Zukunft eine sinnvolle Deadline einbaut (z.B. bis eine Woche vor der Wahl).
EDIT 2
Heute Morgen 23. Oktober um 11:00 hat sich noch ein weiterer Spassvogel eingefunden… das Total liegt nun bei 2911 Politikern, wobei ich nicht sagen kann aus welchem Kanton oder welcher Partei der/die Hinterfotzige stammt (es ist aber kein Zürcher diesmal).
EDIT 3
Über ein halbes Jahr später – heute ist der 24. Mai 2012 – überprüfe ich nochmals die Beteiligung der Politiker an Smartvote. Bis heute sind es 2917 Teilnehmende – seit dem Wahltermin haben sich also noch acht (8!) Schlaumeier eingefunden… Ich fände es ganz nett, wenn Smartvote diese Leute in ihrem Profil markieren würde.

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