#85 Gottesglaube und objektive Moral


Das Hammerargument aller Theisten gegen den Atheismus ist, dass mit dem Wegfall einer obersten (strafenden) Instanz uns alle Moral abhanden komme und nur mit einem Gott objektive Moral zu begründen sei.

Der ganze Unsinn beginnt nur schon mit der objektiven Moral des „wahren“ Gottes. Selbstverständlich kann dies ein Gläubiger nicht einsehen – er geht immer davon aus, dass sein Gott der einzig wahre ist und setzt dessen Regeln als objektiv wahr voraus.
Nur ist dies natürlich schon eine subjektive/relative Entscheidung: Welchen Gott hast du dir gewählt? Ist dir klar, dass man auch einen anderen sogenannten „wahren“ Gott wählen und dessen – andere – Regeln als „objektiv“ wahr annehmen könnte?
Die Präsenz von vielen verschiedenen Religionen auf der Erde degradiert jede „objektive“ Moral zum vornherein zur lediglich subjektiven/relativen Moral.

Aus atheistischer Perspektive ist das alles natürlich mehr als lächerlich – objektive Moral gibt es einfach nicht. Und die Sorge der Theisten, dass „ohne Gott alles erlaubt sei“ – ist noch um einiges lächerlicher: Denn offensichtlich ist auch umgekehrt „alles erlaubt“ (der Gottesglaube hinderte noch keinen Priester daran ein Kind zu missbrauchen…).
Interessanterweise hält sich der christliche Gott auch nicht an eine „objektive Moral“ – er ändert seine eigenen Regeln ganz nach belieben: Ist es nach dem 5. Gebot (du sollst nicht töten) nun schlecht und IMMER verboten jemanden zu töten? Oder gibt es doch RELATIVE Auslegungen? Gott selbst jedenfalls ruft auch weiterhin zu Mord und Totschlag gegen Andersgläubige auf…

Ich finde es aber durchaus verständlich, dass man als Theist dies nicht ohne Weiteres einzusehen vermag – denn wer ein Leben lang mit einem Gott gelebt hat, der kann sein Denken nur schwer aus gewissen Bahnen befreien (sehr deutlich bei den Äusserungen mancher/aller? katholischen Bischöfe…).

Aus den Tiefen des Internets habe ich ein paar Anregungen gesammelt, welche auch Gläubigen auf die Sprünge helfen sollten – und ihr Konzept der objektiven Moral zumindest überdenken lassen sollte. Es ist dreimal der gleiche oder ähnliche Gedanke:

1. Würdest du mich töten, wenn Gott es dir befiehlt? (Übrigens: Ich bin ein relativ anständiger Mensch)

Wenn du mit ’nein‘ antwortest, dann hast du schon eingestanden, dass es so etwas wie Humanität – auch ohne Gott – gibt. Moral ist also nicht an irgendwelche Religionen oder Götter gebunden.
Solltest du mit ‚ja‘ antworten, dann bist du offensichtlich ein Soziopath (und solltest dich augenblicklich in psychiatrische Behandlung begeben). Woher willst du überhaupt wissen, ob es Gott war der zu dir gesprochen hat, wie schliesst du eine psychische Erkrankung bei dir selber aus?

2. Ist etwas gut weil es gut ist oder weil Gott sagt, dass es gut sei?

Wenn du findest, dass Gutes per se gut ist, dann hast du schon eingestanden, dass es Werte auch ohne Gott gibt (bzw. dass es noch höhere Instanzen über deinem Gott gibt).
Solltest du aber der Auffassung sein, dass nur gut sei, was Gott als gut definiert, dann wäre es auch gut, wenn Gott offenkundig inhumanes einfordern würde.

3. Wessen Wesen beurteilst du als vornehmer: Deines, der du nur gut bist, weil es einen obersten Strafer gibt – oder meines, der ich gesetzestreu und anständig lebe einfach weil ich es richtig finde?

Da du dir keine Moral ohne Gott vorstellen kannst bedeutet dies, dass du ohne die Androhung von Höllenquallen sofort vergewaltigend, mordend und brandschatzend durch die Gassen läufst. Nun lebe ich aber ohne solche Drohungen oder Anreize (paradiesischer Himmel als Belohnung) und habe mir noch nicht einmal ein Parkvergehen zu schulden lassen kommen… Was vermutest du, was könnte der Grund sein, dass ich weder vergewaltige noch Raubmorde begehe? Schliesslich stünden mir diese Optionen tatsächlich frei (jedem Gläubigen allerding auch… insbesondere Jesus vergibt ja alles!), ich brauche keine Hölle zu fürchten, noch muss ich mich sorgen den ewigen Himmel nicht zu erreichen.
Ich antworte dir: Weil ich ein Mensch bin. Das heisst ich bin zur Empathie fähig. Das ist fundamental – wahrscheinlich lässt sich dreiviertel dessen was du Moral nennst mit Empathiefähigkeit erklären. Weiter halten mich soziale Normen meines Kulturkreises im Zaum, wo ich vielleicht von Natur aus weniger Skrupel hätte. Und schliesslich – erst als Letztes! – gibt es auch noch in Gesetze gefasste Normen, die halten mich auch vom Falschparken ab…

Es handelt sich bei allen Fragen um Varianten des Euthyphron-Dilemmas.

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