#88 Krawallatheisten wie ich?


Vor ein paar Tagen hat Philippe Wampfler einen Text auf seinem Blog geposted in dem er der Freidenker-Vereinigung mangelnden Respekt vor gläubigen Menschen vorwirft (Wampflers Text hier). Der Artikel wurde doch ziemlich rege kommentiert, dazu hat sicher auch der – zwar etwas unscharfe aber – schmissige Titel „Eine Bemerkung zum Mode-Atheismus“ beigetragen. [Den Nicht-Gläubigen das blosse Verfolgen einer „Mode“ zu unterstellen grenzt eigentlich auch schon an eine Respektlosigkeit😉 ]

Ich habe mich in den Kommentaren gar nicht direkt zum Text geäussert – ich habe mich nur zu einigen Antworten auf Nebelpetarden von Gläubigen hinreissen lassen. Wampflers konkret vorliegender Text (bzw. das konkrete Argument) finde ich recht schwach und ich möchte nur kurz dazu Stellung nehmen.

1. Nobel wie wir sind, soll das Handeln und nicht der Glaube Grundlage eines Urteils über einen Menschen bzw. eine Religion sein. Ganz im Sinne von Lessings Nathan dem Weisen und dem kann man nur zustimmen.

Dann wollen wir uns das Handeln der (schweizerisch-christlichen) religiösen Seite einmal in Erinnerung rufen:

1. Vertuschung von Gewalt gegen und Sex mit Kindern.
2. Fiskale Usurpation von Atheisten & Andersgläubigen durch die Landeskirchen.
3. Politische Einflussnahme (problematisch wegen Punkt 2.).
4. Diskriminierung von Atheisten & Andersgläubigen AUCH in Staatsdiensten (v.a. Lehrpersonal).
5. Gewisse Kirchen werden als öffentlich-rechtliche Institutionen über andere Vereine und Kirchen gestellt.
Ich habe mich mal auf fünf spezifische Punkte beschränkt. Eine allgemeinere Liste findet man bei Ali Arbia.

Solange die Glaubensinhalte eben nicht einfach nur Privatsache sind, sondern sie mir von Gläubigen quasi ins Gesicht gedrückt werden, solange werde ich auch respektlos antworten (und ja, dazu zählen auch weniger gravierende Dinge wie Kirchengeläute).

Weiter dürfte auch klar sein, dass Religion keinen besonderen Schutz geniessen soll. In einer Gesellschaft welche die freie Meinungsäusserung hoch hält soll doch alles kritisiert und karikiert werden dürfen! Warum soll es einen Unterschied geben, ob nun ein Politiker in einer Zeitung überzeichnet wird oder ein religiöses Symbol?

2. Wampfler hält sich gar starr an den Formulierungen des „Freidenker-Tests“ auf. Diese Kritik bzw. dieses Beispiel kann ich überhaupt nicht verstehen – bzw. sie wirkt reichlich erzwungen und wurde auch von einigen Kommentatoren deutlich abgewiesen.
[Ich selbst bin (noch) nicht in der Freidenker-Vereinigung.]


Dennoch stimmte mich Wampflers Artikel nachdenklich, zwar – wie gesagt – nicht mit den konkreten Punkten, doch mit dem Grundtenor. Er ist auch bei weitem nicht der erste, der sich über den Krawall der „Neuen Atheisten“ beschwert oder die zelebrierte Respektlosigkeit beklagt.

Gerade wenn ich an die Mitglieder der reformierten Landeskirche hierzulande (Zürich) denke, dann handelt es sich praktisch immer um höchst angenehme Personen – normale Leute halt. Wäre die Sache mit den Kirchensteuern für juristische Personen nicht, dann würde ich sagen: So wünsche ich mir meine Gläubigen – über Details kann man weiter streiten!

[Aus meiner Perspektive fragt sich allerdings, ob es sich bei ihnen noch um Christen handelt (ich teile in dieser Beziehung ganz Michael Schmidt-Salomons Ansicht). Diese Leute sind nur noch im Symbolischen oder in der Sprache Christen, konkret handelt es eigentlich um verkappte Humanisten. – Allein dies ist nicht meine Sache sondern deren eigenes Problem.]

Jedenfalls tut es auch mir manchmal weh, wenn ich Anklagen von Atheisten sehe (jaja… manchmal bin auch ich so einer…), die eigentlich gegen die ungeheurlichen Auswüchse des amerikanischen Evangelikalismus gerichtet sind, jedoch unsere handzahmen Reformierten treffen. Ich tendiere immer stärker in die Richtung, dass man (auch als „Krawallatheist“) eine Balance finden muss; eine Balance zwischen gerechtfertigtem Ärgernis („Aufklärung ist Ärgernis!“) und respektvollem Umgang mit gemässigten/aufgeklärten Gläubigen.

[Man darf aber nicht vergessen, dass gerade die Schweiz wachsende Evangelikale Gemeinden erlebt! Gerade in der Schweiz lehnt ein grosser Bevölkerungsanteil die Evolutionstheorie aus RELIGIÖSER Überzeugung ab. Esoterik (was ich auch als Religion werte) trifft man an jeder Strassenecke an – Pseudowissenschaften machen sich breiter denn je (TCM hat sich sogar an vielen Spitälern angelagert einnisten können!).]

Es soll und darf schliesslich jeder glauben können was er mag – es ist seine Privatsache. Nur beinhaltet dies eben auch, dass wenn Gläubige ihren privaten Rahmen verlassen oder falsifizierbare Aussagen machen, völlig zu Recht die volle Breitseite an Spott und Hohn abbekommen. Respekt darf auf keinen Fall wieder zur Immunität führen – diese Zeiten sind einfach vorbei. All zu lange konnten sich Scharfmacher hinter falschem Respekt aller Kritik entziehen.

Vielleicht sollte man auch gar nicht von Respekt sprechen, sondern einfach von Anstand. Echten Respekt empfinde ich nun mal einfach nicht für Gläubige (natürlich nur bezüglich ihres Glaubens!). Anstand kann ich aber auch für Gläubige aufbieten – solange er gegenseitig gewahrt wird (gerade der „offizielle“ Katholizismus ist praktisch immer diffamierend gegenüber Atheisten!).

Von mir aus soll man es mit dem Christentum doch ebenso wie mit dem Islam halten: Solange es sich mit unserer SAEKULAREN Ordnung verträgt (und der Staat keine Diskriminierung fördert…) wäre alles im Butter. Nur ist man den eigenen Vergehen gegenüber all zu tolerant oder gar völlig blind.

Viele Worte und wenig Inhalt… Ist vielleicht auch mehr ein Stimmungsbild von mir…

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