#91 Ostern – Freitage, Religion und Demokratie


Die Karwoche ist vorbei und Ostern stehen an – ich geniesse die „kleinen Ferien“ und andere säkulare Aktivisten prangern einmal mehr die Einmischung von Religion ins öffentliche Leben an (bzw. das Aufzwingen christlicher Gebräuche auf Nicht-Gläubige). Gemeint ist natürlich das Tanzverbot, auch allgemeiner das Verbot von öffentlichen Anlässen an „hohen“ christlichen Festtagen.

In der Blogosphäre war vorab mehr aus Österreich zu hören, aber auch in der Schweiz gab es offenbar eine (unabsichtliche) Kollision (Fussball an Karfreitag, soweit ich weiss – oder erst an Ostern? – Ich bin weder Fussballfan noch religiös…). Überrascht haben dann aber die Deutschen mit der doch recht eindrücklichen Aktion vor dem Kölner Dom


via: AtheistMediaBlog

Nun lese ich aber an unerwarteter Stelle folgendes (Kontext hier):

„[…], kann eine Aufhebung von Tanzverboten fordern (müsste aber konsequenterweise auch eine Aufhebung der Freitage dazunehmen) […]“ P.Wampfler

Eine Folgerung die ich nicht verstehe und die auf der gleichen Ebene einzuordnen ist wie jene (abstruse), dass Atheisten auch am Sonntag arbeiten sollen. Irgendwie haben die Leute das Gefühl, dass wir Freitage von der Kirche „geschenkt“ bekommen – dem ist aber klar nicht so: Es ist immer noch der Staat (also Bund und v.a. Kantone) welcher in Mehrheitsentscheiden Gesetze beschliesst und bestimmt welche Tage arbeitsfrei zu halten sind.

Selbstverständlich liegen die Wurzeln der Freitagen in der religiösen Tradition, dass diese aber nicht unveränderlich sind sieht man an allen Enden und Ecken. Beispielsweise haben verschieden Kantone verschiedene offizielle religiöse Feiertage und vor allem haben die meisten Leute nicht nur Sonntags sondern auch Samstags frei…

Übrigens konnten wir erst in der letzten Abstimmung darüber entscheiden, ob wir landesweit für alle Arbeitnehmer sechs Wochen Ferien wollen (wurde abgelehnt). Offenbar dürfen in einer Demokratie tatsächlich die Bürger solche Entscheide fällen (und müssen nicht auf die Gnade der Kirche hoffen).

Dass Karfreitag und Ostern als höchste (evangelische) Feiertage allgemein arbeitsfrei sein müssen kann diskutiert werden. Wenn eine Mehrheit diese Freitage möchte, so ist das doch demokratisch legitim. Dass aber zugleich eine Religion (!) die Freiheiten der Mitbürger darüber hinaus beschränken darf ist NICHT legitim: Bundesverfassung Art. 15.

Aktionen wie den tanzenden Flashmob vor dem Kölner Dom finde ich in dieser Situation sehr angemessen (originell und harmlos aber gut sichtbar). Man muss die ungerechtfertigte Privilegierung der Kirchen einfach anprangern.
Gäbe es ein solches Veranstaltungs- und Tanzverbot aber nicht, so fände ich eine solche Aktion äusserst unangebracht: Eine eigentliche Belästigung und Störung der Gläubigen. Auf den Kontext kommt es halt schon an…

EDIT:
Muriels einsamer Protesttanz hat mich herzhaft lachen lassen – danke!

UPDATE
Auf dem AtheistMediaBlog wird ein Leserbrief thematisiert/gezeigt, der genau die religiöse Pseudoargumentation („…dann sollen die Atheisten auch arbeiten!“) vorbringt.

5 Gedanken zu „#91 Ostern – Freitage, Religion und Demokratie

  1. Zur Präzisierung: Gemeint ist nicht der Sonntag, sondern der Karfreitag. Der ist aus religiösen Gründen arbeits- und tanzfrei, oder?
    (Meiner Meinung nach sollten Feiertage sinnvoller verteilt werden – nach nicht-religiösen Gesichtspunkten – um so z.B. zu vermeiden, dass viele im Frühling und wenige im Herbst sind – und alle zur gleichen Zeit nach Italien wollen…)

    • Oh, ich bitte um Entschuldigung! Liest sich so, als wollte ich dir was unterstellen… Dabei wollte ich nur noch etwas allgemeiner werden (mit den Sonntagen).

  2. Ohne zu weit vom Thema wegzugeraten: Ich persönlich würde es ja begrüßen, wenn der Staat generell aufhören würde, uns vorzuschreiben, wann wir arbeiten dürfen und wann nicht. Und ich finde es – so sehr ich mich auch über die Argumentation der religiösen Truppe hierzu ärgere -tatsächlich ein bisschen inkonsequent, sich über das Tanzverbot zu echauffieren, das Arbeitsverbot aber gutzuheißen.
    Das sind zwei Seiten einer Medaille.

    • Ich glaube, das hängt von der Perspektive ab. Kein Arbeitnehmer hat in der Regel etwas gegen einen freien tag einzuwenden, ein Arbeitgeber vielleicht eher. Beide haben aber berechtigte Einwände gegen das Tanzverbot.
      Und Arbeitsverbot stimmt ja nur begrenzt. Alle, die zum Teil oder ganz zu Hause arbeiten, können arbeiten, viele andere, wie Krankenschwestern etc. müssen z.T. sogar arbeiten.

    • Ein Arbeitnehmer könnte durchaus was gegen einen freiten Tag einzuwenden haben, der ihm obrigkeitlich vorgeschrieben wird, wenn er zum Beispiel lieber an einem anderen Tag frei hätte oder das Geld braucht, das er an diesem Tag verdienen könnte.
      Das Arbeitsverbot gilt in der Tat begrenzt. Das Tanzverbot aber auch. Eine Aktion wie mein todesmutiges YouTube-Video ist ja unter anderem deshalb lächerlich, weil sie nicht mal gegen das so genannte Tanzverbot verstößt.
      Generell bin ich jedenfalls der Meinung, dass ein Verbot nicht legitimer wird, wenn es nur ein paar mehr oder weniger willkürlich ausgewählte Berufsgruppen (Dessousverkäuferinnen in der Innenstadt müssen frei haben, Dessousverkäuferinnen an Bahnhöfen dürfen arbeit…) betrifft und nicht alle.

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