#97 Die Zehn Gebote – eine peinliche Geschichte


Immer wieder werden die biblischen Zehn Gebote gerühmt – als Grundlage des gesellschaftlichen Zusammenlebens (wie unlängst der ehemalige Bundesverfassungsrichter Di Fabio), als Ursprung einer humanen Gesetzgebung oder als strahlendes Beispiel des überragenden moralischen Massstabs der Bibel. So kennen wir die Zehn Gebote vor allem als Propagandavehikel der katholischen Kirche – in zurechtgelegtem Gebote-Katalog. Die konkreten Bibelworte kennt kaum einer, doch diesen will ich hier nachgehen und schauen, was mir die grossen Zehn Gebote zu sagen haben.

Die zurechtgelegten Zehn Gebote wie sie in der Bibel nicht zu finden sind.
(Bildautor: 4028mdk09; Quelle: Commons Wikimedia)

Wie immer wenn man die Bibel zur Hand nimmt gibt es nicht nur eine Version, sogar bei den zehn Geboten gibt es zwei Varianten: Eine erste findet sich in Exodus 20, eine zweite in Deuteronomium 5. Im Gegensatz zu anderen Geschichten sind die Varianten jedoch erfrischend ähnlich und widersprechen sich grundsätzlich nicht. Ich halte mich hier an die erste Version aus der Lutherbibel von 1984.

Version 1 – Exodus 20 Vers 2-17

2 Ich bin der HERR, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe.

3 Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.

4 Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist:

5 Bete sie nicht an und diene ihnen nicht! Denn ich, der HERR, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die mich hassen, 6 aber Barmherzigkeit erweist an vielen tausenden, die mich lieben und meine Gebote halten.

7 Du sollst den Namen des HERRN, deines Gottes, nicht missbrauchen; denn der HERR wird den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen missbraucht.

8 Gedenke des Sabbattages, dass du ihn heiligest.

9 Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke tun.

10 Aber am siebenten Tage ist der Sabbat des HERRN, deines Gottes. Da sollst du keine Arbeit tun, auch nicht dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht, deine Magd, dein Vieh, auch nicht dein Fremdling, der in deiner Stadt lebt. 11 Denn in sechs Tagen hat der HERR Himmel und Erde gemacht und das Meer und alles, was darinnen ist, und ruhte am siebenten Tage. Darum segnete der HERR den Sabbattag und heiligte ihn.

12 Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf dass du lange lebest in dem Lande, das dir der HERR, dein Gott, geben wird.

13 Du sollst nicht töten.

14 Du sollst nicht ehebrechen.

15 Du sollst nicht stehlen.

16 Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten.

17 Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Frau, Knecht, Magd, Rind, Esel noch alles, was dein Nächster hat.

Zum Vergleich: Version 2 – Deuteronomium 5 Vers 6-21

Es fällt auf, dass zwar von den Zehn Geboten die Rede ist, es aber nicht klar bestimmt ist, welches denn nun diese zehn sind! Dass dem wirklich so ist, ist leicht daran erkennbar, dass verschiedene Konfessionen unterschiedliche Zählweisen haben (siehe Wikipedia/Zehn_Gebote für eine Vergleichstabelle).

Ich vereinfache den Bibeltext zu einer klaren Übersicht:

  1. Feststellung: Autor ist Gott („ich“)
  2. Verbot fremder Götter
  3. Verbot von Abbildungen oder Gleichnissen von:

    1. Gott

    2. Himmel (physisch und metaphysisch)

    3. Irdische Welt (absolutes Bilder- und Gleichnisverbot)

  4. Verbot der Anbetung von Abbildungen oder Gleichnissen
  5. Feststellung: Gott ist eifersüchtig und rachesuchend (rächt sich an Unschuldigen)
  6. Feststellung: Gott ist barmherzig
  7. Verbot des Namensmissbrauchs (Name „Gott“)
  8. Gebot Sabbat arbeitsfrei zu halten (mit Begründung: Schöpfung der Welt in 6+1 Tagen durch Gott)
  9. Gebot Eltern zu ehren
  10. Verbot zu töten
  11. Verbot des Ehebruchs
  12. Verbot des Diebstahls
  13. Verbot von Falschaussagen (mit Einschränkung „wider deinen Nächsten“)
  14. Verbot von Neid bezüglich:

    1. Haus „deines Nächsten“

    2. Frau „deines Nächsten“

    3. Personal „deines Nächsten“

    4. Vieh „deines Nächsten“

    5. Besitz „deines Nächsten“

Es handelt sich also um mindestens 14 Aussagen: Drei Feststellungen oder Behauptungen, neun Verbote (mit weiteren Präzisierungen) und (nur) zwei Gebote.

Die ersten sieben Aussagen (die Hälfte der insgesamt 14!) sind ohne Wert für die Gesellschaft – sie dienen allein dem Machterhalt Gottes bzw. seiner Sprecher. Ganz besonders wertlos sind die ersten sieben Gebote aber in einer pluralistischen Gesellschaft – was soll ein Atheist damit anfangen?

Randnotiz: Das Verbot fremder Götter stellt ironischerweise ein Eingeständnis dar, dass auch noch andere Götter existieren…

Besonders bizarr ist das Bilder- und Gleichnisverbot und ich betone nochmals: Nicht nur Gott abzubilden ist verboten, sondern ALLE Abbildungen von realen Dingen UND Jenseitsdarstellungen! UND darüber hinaus nicht nur Abbildungen, sondern auch Gleichnisse – also: Analogien, Metaphern, Allegorien, Fabeln und Parabeln sind verboten! (Hier war ich etwas übereifrig: „Gleichnis“ wird hier üblicher Weise/in anderen Übersetzungen als bildliche Darstellung interpretiert. Allerdings stellt sich schon die Frage, weshalb dann Abbildungen UND Gleichnisse genannt werden.)

Wann immer jemand die Zehn Gebote rühmt, dann soll man ihm diese Absurdität vorhalten! Auch Leuten, die von „christlichen Werten“ faseln und auf Nachfrage die Zehn Gebote nennen, soll dies sec gesagt werden…

Das Sabbatgebot implementiert derart geschickt „Gott“ in den Wochenrhythmus, dass wir selbst heute nicht davon los kommen; gerade für die schwächeren, unfreien Glieder der Gesellschaft kommt mit einem arbeitsfreien Tag aber ein erster Gewinn dazu.

Das Elterngebot ist ohne Wert für die Gesellschaft – es pflanzt Autoritätsgläubigkeit in die Köpfe und dient letztlich auch dem Machterhalt der Sprecher Gottes: Unfähige, vernachlässigende oder missbrauchende Eltern müssen nicht geehrt werden.

Das Tötungsverbot ist ein Gewinn für die Gesellschaft, ebenso die weiteren konkreten Verbote (Ehebruch, Diebstahl, Lügen). Die Frage ist nur, was genau unter den Begriffen zu verstehen ist (besonders beim „Ehebruch“ – ich interpretiere das allgemein als „Fremdgehen“, doch Christen legen den Fokus gerne auf den Wortteil „Ehe“) und inwiefern sie nicht ohnehin schon selbstverständlich sind. Weiter ist zu hinterfragen was es mit der Einschränkung „wider deinen Nächsten“ auf sich hat.

Das Verbot von Neid („Begehren“) ist wiederum völlig ohne Wert für die Gesellschaft. Erstens kann man eine Empfindung nicht durch ein niedergeschriebenes Verbot zum Verschwinden bringen; zweitens ist Neid ein fundamentaler Antrieb menschlichen Strebens – ökonomisch ist das Neidverbot also eher schädigend für die Gesellschaft; drittens ist das Neidverbot offensichtlich von anderem Charakter als die anderen Verbote – mehr eine Empfehlung zu einem entspannteren Leben oder als Hinweis auf eine unschöne menschliche Empfindung.

Was nehme ich also wertvolles mit aus den Zehn Geboten?

1. Nicht töten, 2. nicht fremdgehen, 3. nicht stehlen und 4.nicht lügen.

Das lässt sich doch schöner Formulieren: Töte nicht und sei ehrlich.

Wow… diese einfache und banale Aussage versteckt sich als einzig brauchbares hinter all den überflüssigen Worten der Zehn Gebote!

Und was soll nun der Gewinn der Zehn Gebote sein? Der interkulturelle Vergleich zeigt zweifelsfrei, dass auch ohne diese „biblische Grosstat“ töten und lügen in allen Gesellschaften geächtet werden (mit gewissen Einschränkungen – die Einschränkungen finden sich aber auch in christlichen Gesellschaften).

Etwas anders und einiges unterhaltsamer hat dies schon George Carlin demonstriert:

Ein Gedanke zu „#97 Die Zehn Gebote – eine peinliche Geschichte

  1. Hallo,
    ehrlich gesagt, finde ich deine Auslegung eher so… naja. Sie zeigt, dass du dich kaum mit dem Ganzen beschaeftigt hast. Aber dir geht es anscheinend ja auch nur um Propaganda und Meinungsmache, denn um einen neutralen Blick.
    Gut, fangen wir mal an… seufz….
    1.) Du sagst, die ersten 7 Aussagen sind ohne Wert fuer eine Gesellschaft. Wenn sie keine Relevanz gehabt haetten, staenden sie nicht drin. Sie wurden geschrieben in einer sozialen Umgebung, in der viele Goetter/Goetzen (z.B.Hausgoetzen) angebeten wurden, die jeweils fuer eigenen ethischen Rahmen standen. Die Idee einer monotheistischen Verankerung des Gesetze in einer Welt, in der jeder glaubte, meint hier: Diese Gesetze sind allgemeingueltig, keine Verhandlungsmasse, fuer jeden. Die allgemeinen Menschenrechte und Art.1 GG entstanden von dort. Ein Gott, ein Regelwerk. Im atheistischen Kontext finden wir dergleichen eigendlich erst ab Napoleon. (7 bezieht sich uebrigens auf Schwuere: Meineid und Vertragsbrueche stehen damit besonders unter Strafe.) Der Rest, gebe ich zu, kann einem Atheisten belanglos erscheinen. Aber ist auch nicht fuer Atheisten geschrieben: Ich erwarte auch nicht von einer Betriebsanleitung fuer ein Haushaltsgeraet den Wetterbericht.
    2.) Feststellung 8-11 gibt einen freien Tag, ja. Aber nicht nur fuer dich, sondern du sollst ihn auch jedem anderen gewaehren. In der heutigen Zeit, in der feste, vorausplanbare Privatzeit fuer Arbeitnehmer immer seltener wird, HAT das in meinen Augen Gewicht. Ein fester Tag fuer alle bedeutet auch bei Eltern, die beide arbeiten, dass sie immer einen Tag in der Woche haben, den die Familie gemeinsam planen kann.
    3.) Feststellung 12 ist die damalige Version eines Generationenvertrages. Wenn du sagst „Unfähige, vernachlässigende oder missbrauchende Eltern müssen nicht geehrt werden“, dann sagst du aus, dass Rente, Krankenversicherung usw. nur „netten“ Menschen zukommen sollte und wir den Rest verhungern lassen sollten.
    4.) 13-16: Nicht töten, nicht fremdgehen, nicht stehlen und nicht lügen. (Letzteres meint auch ausserhalb rechtlicher Vertraege (Feststellung 7) und konkretisiert sich mit dem „wider deinen Naechsten“ zu: Nicht luegen, wenn es jemand anderem schadet.
    5.) 17. Neid ist zwingend der notwendige wirtschaftliche Antrieb einer Gesellschaft, schon gar nicht Habsucht, die hier gemeint ist. Dieser Artikel spricht sich gegen eine Ellbogengesellschaft aus, in der man seinen Reichtum auf dem Verlust des Anderen baut. (Wirtschaftlich koennte auch das Streben nach Wohlstand anstelle von Neid Antrieb sein und die Methode Kooperation.

    Soweit fuers Erste.
    Rib

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