#105 „Gott leugnen“


Als Atheist fehlt mir der Glaube an einen (oder mehrere…) Gott. Aus meiner Perspektive ist es nicht so, dass ich daran glaube, dass es keinen Gott gibt. Die Analogie mit dem Osterhasen macht es sehr anschaulich: Wir haben uns nicht zu einem Anti-Glauben entschieden – uns fehlt schlicht der Glaube an den Osterhasen.

Von religiöser Seite muss man sich natürlich anderes sagen lassen… Atheismus sei auch ein Glaube und andere Verwirrungen. Früher wurde eine ganz eigentümliche Formulierung in dieser Sache benutzt – und man findet sie häufig in etwas älteren Schriften: Atheisten leugnen Gott.

Diese Formulierung strotzt nur so von Arroganz und unterstellt dem Atheismus pauschal Bösartigkeit. Leugnen* hat mit natürlich mit lügen zu tun, und lügen ist:

„wissentlich die Unwahrheit sagen“ oder „beabsichtigte Täuschung/Irreführung“ (dwds)

Es wird also implizit vorausgesetzt, dass
1. Gott existiert,
2. jeder weiss, dass Gott existiert und
3. Atheisten aus Bosheit die Unwahrheit verkünden.

Nur wenn zumindest die ersten beiden Punkte zutreffen, nur dann kann man Gott auch leugnen. Offensichtlich sind beide Punkte nicht erfüllt – Religion und Gottesglaube hat per Definition mit GLAUBEN zu tun und gerade nicht mit WISSEN (…ein Glaube muss IMMER geglaubt werden, man kann es nie sicher wissen). Ein Sachverhalt der von manchen Menschen geglaubt – also: vermutet, erhofft, ersehnt, behauptet, … – wird, kann nicht als überhaupt gesichert existent betrachtet werden (dazu bräuchte es ein Minimum an empirischer Evidenz)! Und wenn nicht einmal die Existenz gesichert ist, dann kann wohl auch schlecht davon ausgegangen werden, dass „man“/alle von der Existenz wisse.

Besonders ekelerregend an der Phrase „Gott leugnen“ ist die ihr anhaftende Unterstellung, dass Atheisten aus Bosheit (… mit schlechten Absichten) einen Anti-Glauben verkünden.

Mein Fazit: „Gott leugnen“ ist rein logisch gar nicht möglich – da es sich nur um glauben und nicht wissen handelt. Die perfide religiöse Propaganda findet sich an allen möglichen und unmöglichen Orten.

* „leugnen“ im dwds – das hätte ich besser schon früher nachgeschlagen. In den Kommentaren streicht Fraxa den Unterschied der Begriffe heraus und korrigiert meine – etwas gar grosszügige – Interpretation.

5 Gedanken zu „#105 „Gott leugnen“

  1. Auch wenn selber ich die Existenz von Gott leugne, so muss ich dazu was sagen.

    Es gibt einen kleinen aber feinen Unterschied zwischen lügen und leugnen.

    Lügen ist klar: bewusst und willentlich die Unwahrheit sagen.

    Leugnen (nach Duden): etwas, was als Lehre, Weltanschauung o. Ä. oder allgemein anerkannt ist und vertreten wird für nicht bestehend erklären
    (unter anderem, das Wort leugnen kann auch in anderen Zusammenhängen benutzt werden)

    Die obige Definition beinhaltet aber nicht, dass die Weltanschauung wahr sein muss. Im Falle von der Existenz Gottes wird sie, zumindest in Europa, zwar allgemein vertreten, auch wenn sie nicht stimmt. Wenn ich diese Weltanschauung nun negieren, so leugne ich sie. Was sprachlich korrekt ist, ich das manchmal auch selber so sage und in diesem Zusammenhang nichts mit lügen (und somit die Existenz Gottes als Wahrheit annimmt) zu tun hat.

    Aber sonst stimme ich dir natürlich zu!

    • Danke für den Einwand!
      Bekannt war mir schon vorher, dass „verleugnen“ die Bedeutung etwas ablehnen oder abstreiten hat – von daher habe ich es ohnehin nicht all zu genau genommen. Vielmehr habe ich mich vom selben Ursprung der Begriffe leiten lassen – und habe nun im Nachhinein auch noch den etymologischen Duden konsultiert: „leugnen“ und „lügen“ (und ähnliche) sind allesamt verwandt mit dem „…im deutschen ausgestorbenen germanischen Substantiv laugna- ‚Verborgenheit‘, ‚Verheimlichung‘, ‚Lüge'“ (Duden, Bd.7).

      Der Einwand ist für andere Leser aber sicher relevant – es soll hier nicht der Eindruck erweckt/geschindet werden, dass ich auch nur im entferntesten von Sprachwissenschaften eine Ahnung hätte (aus meiner Sicht ist das ohnehin evident…)!

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