#113 Die Psalter Weltkarte


Als Fan von schön aufbereiteten Daten mag ich natürlich auch alles Kartenmaterial. Einen besonderen Reiz haben auf mich insbesondere auch alte, historische Karten. Auf r/mapporn bin ich unlängst auf ein besonders schönes und interessantes Stück gestossen: Die Psalter Weltkarte von ca. 1265.

Der Name verrät es, es handelt sich um eine Miniatur in einer religiösen Schrift. Solche Karten aus dem Mittelalter halten auf beeindruckende Weise den Kenntnisstand der damaligen Menschen über die Geographie  fest. Dabei soll die Scheibenform nicht zur Annahme verleiten, die Menschen gingen von einer scheibenförmigen Welt aus – die Kugelform war den Gelehrten seit der Antike bekannt. Die Darstellungsform entspricht einfach einer Tradition – die konkrete Ausgestaltung der Landmassen sagt aber einiges über die Perspektive oder Motivation der Gestalter aus.

Wichtig war den Menschen die religiöse Dimension und der Fokus liegt im nahen Osten – das winzige Gebiet um Jerusalem und See Genezareth ist als riesige Landmasse dargestellt. Europa hingegen – in dem man selbst lebt und eigentlich sehr genau kennt – ist relativ klein gehalten. Den Grossteil von Europa wird sogar Griechenland und Italien zugeschrieben – Rom der religiösen, Griechenland der historischen Bedeutung wegen.

Nebst der ’simplen‘ Geographie dokumentiert diese Karten aber noch etwas weitaus interessanteres: Den Stand der Falsifikation von biblischen und anderen mythischen Orten. – Es wird sehr plastisch erkennbar, wie relativ und vorläufig unser Wissen ist – was von einer Mehrheit akzeptiert wird, das wird Realität Wahrheit und das Gegenteil muss erst bewiesen werden…
So vermischen sich in der Psalter Weltkarte reale Orte mit einigermassen korrekter Lokalisation, durch Berichte bekannte Ortsnamen mit spekulativer Lokalisation, aber auch Orte die nur aus (erfundenen, mythischen oder legendenhaft verfremdeten) Erzählungen bekannt waren die aber stark in die Bild- & Erzähltradition eingebunden wurden.
Die Karte zeigt drei biblische Kuriositäten: 1. Die Archenoah im Gebirge neben ‚armenie‘, 2. die Teilung des Roten Meeres durch Mose und 3. die vier paradisischen Flüsse.
Neben diesen biblischen Anspielungen finden sich vor allem Anekdoten aus der Tradition der Legenden um Alexander dem Grossen. Zwei solche alexandrinische Kuriositäten stechen ins Augen: 1. Die Bäume ‚arbor solis‚ und ‚arbor luno‚, also ‚Sonnenbaum‘ und ‚Mondbaum‘ und 2. die von Alexander hinter hohen Wällen und grosser Pforte gebannten wilden Völker.

Als Letztes fallen die Monster im Süden von Afrika auf – die Antipoden. Sie bleiben noch sehr lange auf vielen Karten erhalten und tauchen schliesslich sogar wieder auf dem neu entdeckten amerikanischen Kontinent auf. Antipoden (und andere Monster) leben immer in ‚weissen Flecken‘ in solchen Karten – unbekannten Ländern, Wüsten und im Hochgebirge – die Fantasie liess solche angstbesetzte Lebensräume mit Monstern besiedeln!
Es ist zu beobachten, dass mit zunehmender Kenntnis jener Gebiete auch die Monster langsam von den Karten verschwinden. (edit: Das Vorhandensein der Antipoden ist übrigens auch ein direkter Hinweis auf das Wissen um die Kugelgestalt der Erde der Kartengestalter. Wörtlich bedeutet ‚Antipoden‘ nämlich effektiv ‚Gegenfüsser‘ – als jene Wesen die uns gegenüber des Erdballs stehen [mit den Füssen uns entgegen…]).

Ich habe begonnen die Beschriftungen der Psalter Weltkarte zu entziffern – drei Dinge erschweren dies: 1. Die Schriftzeichen sind nicht immer sehr klar, 2. die Städte jener Zeit (bzw. der Wissenstand über jene Städte jener Zeit…) sind mir nicht ohne Weiteres bekannt, 3. ich kann kein Latein.
Gerade mit etwas Latein sollten auch manche Passagen der Umschrift zu deuten sein…

Klärung:
Hibernia = Irland
Bolonia = ? Boulogne (sur-Mer)
Albania = Region bei Armenien/Kaukasien, NICHT Balkan! (Homonym)

Die Namensteile „…polis“ und „regia …“ sind auch leicht entzifferbar – die dazu gehörigen Namen aber nicht (welche Stadt, welches Reich?).

Zur leichteren Orientierung (voila – die Karte ist eben nach dem Orient ausgerichtet) – eine abstrahierte Darstellung:

Über Kommentare zu weiteren Hinweisen und Deutungen (biblische und andere) der dargestellten Orte freue ich mich.

Ein Bild im SVG-Format mit je einer Ebene für Karte und Namen kann hier heruntergeladen werden (wird auch weiter aktualisiert). Achtung: Download funktioniert NICHT korrekt über „Grafik speichern unter…“ sonder NUR über „Seite speichern unter…“ (auf Endung .svg achten)!

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