#114 Analogie: Gerichtsverhandlung über Gottes Existenz


Wird einem Angeklagten der Prozess gemacht, so gilt es ihn einer Tat zu überführen – nur dies ist relevant. Kann nicht schlüssig gezeigt werden, dass der Beschuldigte die Tat begangen hat, so wird er freigesprochen – vollkommen egal ob er tatsächlich unschuldig ist oder nur nicht genügend Beweise vorlagen.

Tatsächlich wäre es in den meisten Fällen auch gar nicht möglich die Unschuld (also die Nicht-Tat) zu beweisen. Allenfalls kann belegt werden, dass sich der Beschuldigte zur Tatzeit woanders aufhielt – er also ein Alibi hat; doch umgekehrt bedeutet das Fehlen eines Alibis noch lange nicht, dass jemand auch Täter war…

Die Beweislast liegt also in jedem Fall bei der die Tat behauptenden Partei.

Bei der Gottesfrage ist dies auch der Grund, weshalb der Atheismus quasi die Nullhypothese darstellt. Werden keine oder uneindeutige Belege vorgebracht, so ist die Gottesfrage stets zu verneinen – die vermeintliche „Grauzone“ führt gerade NICHT zur Schwächung der atheistischen Position, sondern diese ist vielmehr die einzig mögliche.

Weiter macht dies auch deutlich, weshalb Atheismus die einheitliche Standardhaltung gegenüber ALLEN übernatürlichen Wesen ist. Das „nicht an den christlichen Gott glauben“ ist der selbe Atheismus wie das „nicht an den griechischen Götterhimmel glauben“. Umgekehrt trifft das natürlich nicht zu! Für jedes einzelne übernatürliche Wesen muss wieder eine unabhängige Beweisführung gelingen – es kann nur immer der konkrete Einzelfall nachgewiesen werden.

(edit: Auch bei B. ist die Option (c) nur der Vollständigkeit wegen aufgeführt – man kann Inexistenz per se nicht beweisen.)

Bis heute wurde weder für Hexen, Zauberer oder sonstige Esoteriker noch für eine Gottheit ein einziger solcher Fall positiv entschieden – das sollte doch zu denken geben!


Eine Ergänzung zum Agnostizismus: In der Analogie mit der Gerichtsverhandlung könnte man sich ein Geschworenengericht vorstellen. Jedes Mitglied der Jury muss sich anhand der Verhandlung eine Meinung bilden (glaubt es persönlich a, b oder c vor sich zu haben). Diese Meinung oder dieser Glaube welche die Geschworenen sich über die Tat erarbeiten ist dabei nicht identisch mit der tatsächlichen Wahrheit. Der Agnostizismus bezieht sich nun auf diesen Konflikt – er sagt, dass es prinzipiell (oder vorerst) nicht möglich ist Aussagen über diese unbekannte tatsächliche Wahrheit zu machen – dies hat aber nichts mit den Entscheidungsmöglichkeiten a, b und c zu tun (Agnostizismus ist mit allen drei Optionen vereinbar).

5 Gedanken zu „#114 Analogie: Gerichtsverhandlung über Gottes Existenz

    • Ich Misantrop wittere in der Fragestellung natürlich schon wieder eine unterschwellige Verhöhnung… (ich löse ja kein Problem).

      Aber ich versuch die Frage mal sachlich anzuschauen. Das „Problem“ das ich angehe, ist die Schwierigkeit einem Gläubigen verständlich zu machen, dass Atheismus (so wie ich es verstehe) kein Glaube ist. In der Position des Gläubigen fühlt man sich ja erst mal verletzt, wenn einfach jemand behauptet, dass die Aussagen „da ist Gott“ und „da ist kein Gott“ nicht gleichwertig seien.
      Mein „Lösungsversuch“ ist die Bemühung eines bekannten und akzeptierten analogen Sachverhaltes: Anschaulichkeit, Bildlichkeit.

      Welche philosophische Probleme du nun aber mit welchen Analogien/ Bildern „lösen“ möchtest weiss ich nicht. Allgemein ist das Problem beim Griff nach Metaphern immer das Selbe: 1. Sie müssen möglichst passgenau sein, 2. die Metapher bleibt vom Problem verschieden.

      Falls du an etwas konkretes denkst musst du mir auf die Sprünge helfen…

  1. Beim Lesen deines Artikels ist mir eingefallen, dass diese (nützliche und gute) Analogie vielleicht auf andere philosophische Themen / Probleme anwendbar wäre. Ich habe dann etwas nachgedacht, konnte jedoch nichts finden. Und dann habe ich dich gefragt.

    Ich denke also an überhaupt nichts Konkretes, im Gegenteil.

  2. Sorry, aber ganz so einfach ist dies nicht. Der Knackpunkt liegt in der „Beweislast“. Diese wird im Strafrecht als „in dubio pro reo“ verwendet, weil man eben eine Entscheidung treffen *muss* und als Prämisse setzt, dass lieber ein Schuldiger freigesprochen wird, als ein Unschuldiger verurteilt. Deshalb verteilt man im Strafrecht die Beweislast zu Ungunsten des Anklägers. Ein Freispruch sagt nur, dass die Schuld nicht gerichtlich nachgewiesen wurde. Selbstverständlich kann der Freigesprochene trotzdem der Täter sein, als der gerichtlich unbewiesene LEbenssachverhalt zutreffen. Und überhaupt ist „Beweis“ auch nur gefasst als „mit weit überwiegender Wahrscheinlichkeit, die verbünftige Zweifel das Schweigen gebietet“. Ein „objektiver“ Masstab sieht anders aus. Im Zivilrecht ist die Beweislast schon wieder ganz anders verteilt. Und überhaupt: wie müsste eigentlich ein Beweismittel für die Existenz Gottes aussehen? Warum müsste man sich auf die naturwissenschaftlichen Beweise festlegen (Im Gerichtsverfahren gibt es bspw. auch Zeugen!).
    Die Unmöglichkeit eines Gottesbeweises sagt somit zunächst einmal nur etwas über die Beweisbarkeit Gottes aus, nichts über seine Existenz. Genauso schlecht lässt sich bspw. aus dem Nichtbeweis des Higgs-Teilchens auf die Nichtexistenz des Teilchens schließen.

    • Zum ersten Teil: Wie gesagt… eine Analogie ist und bleibt immer auch vom Gegenstand selbst verschieden. Man kann natürlich auch einfach auf Russels Teapot verweisen, doch ich habe hier mal was Neues gebracht (weil Gläubige beim bekannten Teapot sofort mit den Augen rollen).
      Zu den Beweisen… Kommt ganz auf deinen Gottesbegriff an. Wenn du einen ins Weltgeschehen eingreifenden Gott annimmst, dann sollte dieser auch naturwissenschaftlich erfassbar sein.
      Die Zeugen… werden des öfteren auch der Falschaussage, Lüge, Täuschung, Irreführung, etc. überführt. Ausserdem: Sogar ehrliche und aufrichtige Zeugen liegen nachweislich oft völlig daneben (unsere Erinnerung ist stark beeinflussbar und unsere Wahrnehmung nicht so gut wie wir das immer meinen). Auch fordert man um so bessere, verlässlichere, unmittelbarere Belege je aussergewöhnlicher ein Ereignis ist: Ein Zeuge sagt aus der Autofahrer habe den Blinker betätigt – wird schon stimmen; ein Zeuge sagt aus er sei von fliegenden Schildkröten entführt worden… glaubt man kaum ohne weitere Belege.
      „Unmöglichkeit des Gottesbeweises“… das sagst du. Ermitteln wir doch dein Gottesbild und wir werden sehen, ob nicht eine Versuchsanordnung gefunden werden kann, um diese „Gotteshypothese“ zu testen. So ist das nun mal: Nur falsifizierbare Hypothesen sind echte Hypothesen – alles andere bleibt „Gelaber“ und ist nicht von anderen Hirngespinsten zu unterscheiden.
      „Unmöglichkeit des Gottesbeweises“ kann natürlich nur das Fundament einer agnostischen Position sein. Wer sowas sagt und sich dennoch „gläubig“ nennt ist wohl ein Heuchler.
      „Nichtbeweis des Higgs-Teilchens“… der Unterschied ist der, dass hier eben eine falsifizierbare Hypothese formuliert wurde gegen die nun auch wacker getestet wird – deshalb ein absolut unbrauchbarer Vergleich.

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