#121 Mein Militärdienst – vom Knaben zum Soldaten


Heute wird im Nationalrat die Initiative der GSOA zum Wechsel hin zu einer Freiwilligen-Armee diskutiert und unweigerlich tun sich tiefe Gräben zwischen bürgerlichen Traditionalisten und linken Progressiven auf.

Meine eigene Haltung in der Armeefrage ist eine durch und durch fundamental Ideologische: Ich bin ganz prinzipiell für die ersatzlose Abschaffung der Armee. Man darf meine Haltung ruhig ’naiv‘ nennen, obwohl es vermutlich nicht zutrifft (kann man sich des ideologischen Gehalts bewusst und dennoch ’naiv‘ sein? – Kaum).

Voilà, Anlass und Verortung sind bekannt gemacht – nun zum eigentlichen Thema… ein paar Gedanken zu meinem Militärdienst – nicht die gesellschaftliche Dimension, sondern meine Individuelle:

Ich habe Militärdienst geleistet. In vollem Umfang, im damals üblichen Modus:

1. Informationstag (ein Abend),
2. Rekrutierung (ein Tag),
3. RS (103 Tage – davon 2 Tage nicht angerechnet wegen Gefängnisstrafe)
4. diverse WK über 10 Jahre (6 WK à 19 Tage, ein WK à 16 Tage = 130 Tage)
5. Abgeben (ein Tag)

Insgesamt habe ich also 235 Tage im Militär verbracht (aber ‚offiziell‘ zählen nur 233 Tage…). Fast ein ganzes Jahr Lebenszeit wurde mir genommen. War das Erlebte dermassen schlimm, dass ich nun zum Antimilitaristen wurde? Nein – erstaunlicher Weise war ich schon immer gegen die Armee.

Ich habe den Militärdienst ‚gewählt‘ (eine echte Wahl hat man ja nicht… man wird niemals gefragt, ob man Militärdienst, Zivildienst oder lieber einen zivilen Ersatzdienst leisten möchte), weil ich einen genügend stark ausgeprägten Opportunismus habe (bzw. einen zu geringen Idealismus…). D.h. obwohl inhaltlich überhaupt mit NICHTS einverstanden habe ich den Militärdienst gewählt, weil er (a) am wenigsten meiner Lebenszeit beanspruchte (die Alternative dauert anderthalb mal so lange!), (b) als der gesellschaftlich akzeptierte Weg schien (Gesellschaftlicher Gruppendruck – war aber mehr ein subjektiver Eindruck als Realität; im Gegenteil: Der Verweigerer beweist Charakterstärke und Reife, was von Arbeitgebern geschätzt wird) und (c) am ehesten mit dem Schweizer System kompatibel schien (auch ein Irrglaube – jedenfalls für alle Militärdienst leistenden Studenten).

Beginne ich also von vorne, bei der Rekrutierung: Zum ersten Mal in meinem Leben wurde ich zu einer Nummer, aufgeklebt auf der Brust links. Scheinbar eine Kleinigkeit – doch es ist eine ganz fundamentale Einsicht die man in der gesamten Dienstzeit immer wieder verinnerlicht bekommt: Du bist nur eine kleine Nummer unter vielen anderen. Wir Erwachsene sind meist schon dermassen abgestumpft, dass wir die Verletzung nicht einmal mehr sehen können – doch junge, empfindsame Menschen fühlen diese sehr wohl – UND ES SCHMERZT.

Mein Ziel für die Rekrutierung war es dem Sanitätsdienst zugeteilt zu werden. Dazu waren damals zwei Voraussetzungen notwendig: 1. Ein Minimum bei der sportliche Prüfung ebenso wie beim ‚Intelligenztest‘, 2. Glück (wenn die gewünschte Truppengattung schon genügend Leute hatte, dann wurde man anderswo eingeteilt).

Die sportliche Prüfung bestand aus fünf oder sechs eigentümlichen (altertümlichen) Disziplinen. Da gab es Dinge wie den ‚Froschsprung‘, das Stangenklettern, den Medizinballweitwurf oder einen Lauf, bei dem man ein Stöckchen hin- und hertragen musste… die einzig wirklich sportliche Disziplin war der Zwölfminutenlauf. Man hatte bei jedem Posten zwei Versuche, ergo habe ich mich beim erste Versuch immer erst einmal ganz easy mit der Disziplin vertraut gemacht und geschaut mit wie viel Leistung man welche Punktzahl bekommt; beim zweiten Versuch habe ich dann jeweils exakt die (für mich) notwendige Punktzahl geholt – man möchte ja nicht obenaus schiessen. Hier kann ich noch anfügen, dass ich keineswegs eine ‚Sportkanone‘ bin/war, ich bin einfach gesund, beweglich, schlank.

An einem solchen Posten wurde ich dann bei meinem ersten ‚Sondierungslauf‘ zusammengestaucht, also richtig angebrüllt. Das hat mich emotional ziemlich fertig gemacht. Hatte ich etwas falsch gemacht? Offenbar. Hatte ich gegen die vorgegebenen Regeln verstossen? Nein.

Auch dies eine typische Erfahrung – für die gesamten Dienstzeit: 1. Menschen verhalten sich im Militärdienst auf eine Weise, die sie für ‚militärisch‘ halten (Zurechtweisungen haben herrisch und brüllend zu geschehen), 2. man wird bestraft/zurechtgewiesen, auch wenn die expliziten Regeln nicht verletzt wurden (implizite, unausgesprochene und unüberprüfbare Regeln haben auch ihre Geltung… wirklich bizarr).

Zur sportlichen Prüfung gehört selbstverständlich auch noch das anschliessende Duschen gemeinsam mit 30 anderen Jünglingen… nochmals ein wiederkehrendes Element des Militärdienstes – und je nach Ausgestaltung hat dies auch eine erniedrigende Komponente.

Wenn ich schon von erniedrigenden Komponenten sprechen – ja eine medizinische Untersuchung gab es auch. Das bedeutet man steht für 2 Stunden in einer endlosen Reihe in Unterhosen und Socken! Und wenn man endlich ‚dran‘ ist, dann ist man gezwungen sich wildfremden Ärzten zu präsentieren – als Krönung auch sein Genital herzuzeigen und sich ans Skrotum fassen zu lassen. Es IST erniedrigend, weil man dazu gezwungen wird. (Nur um es klar auszusprechen: Ich habe weder ein Problem mit Gemeinschaftsduschen in der Badi oder im Turnverein, noch scheue ich mich (bei einem Leiden) davor mein Genital meinem Arzt zur Untersuchung vorzuzeigen… es liegen einfach Welten zwischen dem freiwilligen Aufsuchen einer solchen Situation oder dem Zwang dazu).

Als letzte Prüfung stand noch ein sogenannter ‚Intelligenztest‘ an. Nun Intelligenz wurde mit diesem Test sicher nicht gemessen… Der erste Teil bestand darin, dass man in verschieden komplexen Wirrwarrs von Formen gewisse geometrische Formen findet – hier fragte ich mich tatsächlich, ob es überhaupt Menschen gibt die nicht sämtliche Aufgaben korrekt erledigen. Ich würde sagen, dass nur Menschen mit einer tatsächlichen Beeinträchtigung mehr als vielleicht einen Flüchtigkeitsfehler machen – dermassen offensichtlich und einfach war dieser Test. Der zweite (und letzte) Teil des ‚Intelligenztests‘ war ein Wortschatztest. Jede Frage bestand aus vorgegebenen Wörtern und es galt das unpassende herauszufinden („pick the odd one“). Bei diesem Test war mir klar, dass es darauf ankommt wie belesen man ist… Jeder Muttersprachler wird aber etwa die Hälfte ohne Probleme meistern können (ausser eben… man ist tatsächlich etwas beeinträchtigt), für Gymnasiasten wie mich (wobei ich mich selbst als sprachlich schwach einschätze) war der Test bis auf die zwei letzten Fragen ohne überhaupt überlegen zu müssen lösbar – schade erinnere ich mich nicht mehr an die Frage, doch ich weiss noch, dass auch die letzte Frage per Ausschlussverfahren für mich lösbar war.

Fazit meiner Aushebung: 1. Sportabzeichen (mit Minimalpunktzahl!), 2. Maximalpunktzahl beim ‚Intelligenztest‘, 3. als Sanitäter ausgehoben, 4. das Militär hatte bei mir schon ALLE Glaubwürdigkeit und JEDEN Kredit verloren (bis dahin dachte ich jeweils, dass mein Vater bei seinen Geschichten auch etwas übertrieben hatte… während der RS warf ich meinem Vater dann aber vor, dass er mich nicht genügend gewarnt hatte :D)

Dann etwas geraffter zur RS:

Besondere Sympathiepunkte hat sich das Militär bei mir damit geholt, dass sie die – von mir besonders verhasste – medizinische Eintrittsmusterung gleich in der ersten Woche nochmals wiederholten (wozu war denn jene der Musterung gut?). D.h. 200 Männer in Unterhosen und Socken in einer Reihe, Genital nochmals anderen Ärzten präsentiert und anfassen lassen, etc. etc.

Besonderheit: Gegen Tetanus wurde ich natürlich gleich nochmals geimpft, obwohl ich extra vordienstlich zu meinem Hausarzt ging und diese auffrischen liess (weil ich so etwas lieber von einem seriösen Arzt, in einem seriösen Setting (Stichwort Unterhosenparade) machen lasse…) – meine Einwände wurden selbstverständlich nicht zur Kenntnis genommen (und weil der Vermerk in diesem SCHEISS-IMPFBÜCHLEIN mit all den unleserlichen Einträgen nicht zu finden war, habe ich es auch über mich ergehen lassen, auch weil ich wusste, dass es mir nicht wirklich schadet).

Was habe ich in der RS gelernt, wie hat sie mich verändert:

Retrospektiv würde ich mich selbst folgendermassen beschreiben: Schüchtern, überangepasst, respektvoll gegenüber Autoritäten, immer um Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit bemüht.

Das Militär hat mich gelehrt, dass ich mich verstellen kann. Ich konnte erproben wie ich mich zielstrebig, zackig geben kann (wenn es nützlich war), aber auch wie ich mich dumm anstellen kann (ohne dass es mir sehr peinlich gewesen wäre…). Ich habe gelernt, wie einfach es ist das Bild von sich in einer grösseren Gruppe gegenüber einigen Führungspersonen gezielt (ins Negative) zu manipulieren.

Ich habe gesehen, dass wer im Brustton der Überzeugung die dümmste Lüge auftischt, eher davon kommt, als wer zaghaft etwas zurechtstammelt.

Ich habe im Militär nebst dem Lügen auch das ’sich aus dem Staub machen‘ gelernt. Im Militär gibt es JEDERZEIT die Option sich heimlich davon zu machen – allenfalls wird man dafür (meistens nur sehr milde) bestraft, doch den Job kündigen können sie einem nicht… Dazu muss man aber von Beginn weg etwas darauf achten nicht all zu sehr aufzufallen (weder positiv noch negativ).

Ich habe im Militär gelernt, dass es gut ist, wenn die Vorgesetzten meinen Namen möglichst lange nicht kennen – etwas Gutes hat man ohnehin nie zu erwarten.

Vielleicht noch eine etwas sinnvollere Lehre aus dem Militärdienst: Anderen sollst du möglichst dumm erscheinen (auf dass sie dich immer unterschätzen). Du musst aber ALLES wissen – Wissen ist Macht und dies in JEDEM Bereich (Wichtig im Militär: Erkunde jeden Ort! Du kennst alle Ein- und Ausgänge, du weisst welche Feuerleitern heimlich begehbar sind. Bei Lagerhallen mit Holzeinbauten gibt es meistens einen ‚geheimen‘ Zwischenraum zwischen Holzdecke und eigentlicher Betondecke… Auch den Tagesplan zu kennen ist nie schlecht, ausserdem sollte man dem Getratsche der Unteroffiziere immer ein Ohr leihen – wie sonst soll man sich auf nächtliche Einsätze vorbereiten?)

Wie die Selektion im Militär wirkt:

Situation vorher (1. Woche RS) nachher (10. Woche RS)
1. ohne Beschäftigung

(sehr oft der Fall, da ‚Militär‘ ja bloss die Aneinanderreihung von vorgegebenen Befehlen ist)

sitzt herum, Hände in Hosensack

(Führt sofort und immer zu Konflikten mit höheren Kadern – diese Leute sind natürlich immer um das Image der Armee in der Bevölkerung besorgt. Führt zu vielen Absurditäten…)

1. Stufe: Sieht immer beschäftigt aus.
2. Stufe: Verschwindet sofort unbemerkt bei jeder sich bietenden Gelegenheit.
3. Stufe (WK): Versucht erst gar nicht in gewissen Listen zu erscheinen.
2. Unerlaubtes Entfernen von der Truppe. Höheres Kader oder fremder Leutnant hält dich an. Eingeständnis, zaghafte Versuche der Rechtfertigung

(Führt zu Strafen unterschiedlichen Ausmasses)

Zackiges, militärisches Antworten mit erfundenen glaubwürdigen Aufträgen.(Kann zu positiven Rückmeldungen beim eigenen Leutnant führen… bizarr)
3. Kameraden legen unerträgliches Verhalten an den Tag

(z.B. Müll in der Natur; oder nervige Disziplinlosigkeit – was zu kollektiven Massregelungen führt; oder sprachliche Verwilderung z.B. Frauen werden nur noch ‚Fotze‘, ‚Katze‘, ‚Büsi‘, ‚Muschi‘, etc. genannt.)

Eigeninitiative, Widerspruch wird angemeldet.

(Führt zu Aufmerksamkeit des (U-)Offiziers. Dies führt zu Mehrarbeit und schlimmstenfalls zum Zwang weiterzumachen.)

1. Aggregation Gleichgesinnter oder Isolation.
2. Niemals Eigeninitiative zeigen.
4. Lagerleben, Zeltbau, etc. Normaler menschlicher Umgang, hilft sich gegenseitig, verantwortungsvoller Umgang mit dem Material

(Intelligente oder sonst fähige Individuen erregen die Aufmerksamkeit des (U-)Offiziers. Brauchbare Leute kennt man beim Namen, diese arbeiten mehr und werden allenfalls zum Weitermachen gezwungen.)

1. Niemals Eigeninitiative zeigen (mit Vorschlägen wie etwas einfacher oder besser ginge zurückhalten)
2. Wenn man die Aufmerksamkeit des Offiziers auf sich spürt, sofort stolpern, etwas fallen lassen oder eine sonstige Ungeschicklichkeit präsentieren.
3. Asoziale Aktionen dürfen nicht zu geschickt versteckt werden – die Offiziere müssen hin und wieder auch erkennen können, wer sich so verhält (sonst wären die Aktionen vergebens!)
4. Mutwillige Zerstörung von Material bringt zwar (fast) nichts, der respektvolle Umgang mit dem Material bringt aber auch nichts…
5. Qualifikationsgespräch mit dem Schulkommandanten

(‚Kennenlernen der Truppe‘)

Schüchtern-respektvolles Gespräch Volles Ausschöpfen der schauspielerischen und laienpsychologischen Kenntnisse:1. Augenkontakt so lange vermeiden bis man ausdrücklich dazu aufgefordert wird (keine Angst, diese Art Leute fordern einen IMMER dazu auf), darauf Augenkontakt nur sekundenweise halten.
2. Gekrümmte Körperhaltung (‚eingesunken‘)
3. Arme verschränkt oder Hände unter der Tischfläche lassen.
4. Kopf gesenkt (unterwürfig) und immer in nervöser Bewegung (unstet).
5. Sehr leise und mit hoher Stimmer sprechen.
6. Verhasste Arbeit, sinnloser Auftrag Lautes Ausrufen, Wut, Verweigerung.

(Führt zur Aufmerksamkeit des (U-)Offiziers. Wer zu viel Dominanz zeigt, der wird auch als Verweigerer zum Weitermachen gezwungen! Minderintelligente ‚Ausrufer‘ werden für alle unbeliebte Aufgaben vorgemerkt.)

1. Stetes nörgeln – IMMER
2. Überdrehte Fröhlichkeit aus der dritten Reihe.
3. Sabotage – besonders aller festlichen Aktivitäten (Fahnenübergabe, Festreden etc.) – z.B. Zwischenrufe aus der Fäkalsprache, Helm fallen lassen, Helme gegeneinander schlagen.
4. Subversive Sprache gebrauchen, sich der militärischen Sprache verweigern (Marsch = Wanderung, Biwakieren = Camping, etc.)
7. Es wird Wert auf ein korrektes Erscheinungsbild gelegt. Überkorrekt oder totale Verweigerung

(Führt zur Aufmerksamkeit des (U-)Offiziers.)

Subversives Vorgehen: 1. Mütze und Jacke immer zwei drei Nummern zu gross beziehen (sieht lausig aus).
2. Nur unterschwellig revoltieren: Reisverschluss ist nicht voll offen – aber IMMER 1/3 offen.

Die positiven Seiten des Militärs möchte ich aber nicht unterschlagen:

1. Es ist unglaublich spannend Menschen in Uniform kennenzulernen – man ist kaum je so unvoreingenommen wie im Militär.

2. Soziale Durchmischung zu erleben. Erstens muss man aber dazu sagen, dass die Durchmischung viel kleiner ist, als sie von der Armee zu Werbezwecken dargestellt wird; Zweitens stellt sich auch im Militärdienst in kürzester Zeit eine Segregation ein (es ist nicht so, dass der Banker dauernd mit dem Mac-Angestellten rumhängt, die wechseln nur zu Beginn drei vier Worte).

3. Die Schweiz erleben (man besucht Orte, die man sonst nie gesehen hätte).

4. Man bekommt einen Eindruck (eher eine Parodie dessen) welche (sozialen) Prozesse in einem grossen Betrieb ablaufen.

5. Ich durfte mal ein Wochenende im Gefängnis verbringen (in Einzelhaft in einer winzigen Zelle). Eine äusserst spannende Erfahrung!

6. Ich habe schiessen gelernt – eine Betätigung mit meditativem Charakter (auch wenn ich gegen Waffenbesitz bin).

Was habe ich schlimmes im Militärdienst erlebt (nebst der zweimaligen medizinischen Musterung…)?

Das allerschlimmste ist die Erfahrung eines kafkaesken Apparates – einer Maschinerie die einfach läuft, der man ausgesetzt ist und erst einmal nichts dagegen unternehmen kann.

Auch schlimm ist – im gleichen Zusammenhang – die Erfahrung der Ent-Individualisierung; ähnlich auch das wochenlange Leben als ‚Truppe‘ oder ‚Zug‘ für introvertierte Menschen wie mich schwierig zu ertragen (Menschen die immer gerne mit ihren ‚Kumpels‘ rumhängen können das vermutlich kaum verstehen).

Am deutlichsten kann ich diese Entindividualisierung am Beispiel der Zugschule zeigen. Das ist nichts Schlimmes, da läuft man einfach in einer Formation im Gleichschritt auf Kommando durch die Gegend. Menschendressur. Das ist weder anstrengend noch schmerzhaft. Und dennoch brachte mich nichts anderes jedesmal zum weinen (still und leise) ausser die Zugschule – zum Glück brauchen Sanitäter nicht besonders viel Zugschule… (übrigens habe ich in einem WK einer Offizierin mal klar gemacht, dass es eine Erniedrigung sei – worauf sie tatsächlich damit aufgehört hat).

Schlimm war es für mich auch angeschrien zu werden (jedenfalls zu Beginn), v.a. dann wenn ich es nicht mal nach deren Regeln für angebracht hielt

Abschliessend kann ich noch sagen, dass sich mein Verhältnis zum Militärdienst über die Jahre geändert hat. Die RS und etwa die Hälfte der WK habe ich nur halbwegs gut überstanden und ich litt psychische Qualen – mein Widerwillen war wirklich enorm und jedesmal baute ich eine kleinere depressive Verstimmung auf.
Die letzten WK hingegen habe ich fast schon gerne gemacht – so sinnlos und geilstlos das Militär auch immer war – so sehr habe ich mich auf den ‚Urlaub‘ aus dem zivilen Leben gefreut. Nirgendwo sonst kann man so faul, lethargisch oder so hemmunglos ehrlich sein wie im Militär – es ist wie eine Carte Blanche! Die Leute kennen dich dort nicht, du kannst mit deiner Identität spielen – was immer du mal ausprobieren möchtest… der WK ist dein Sandkasten. Auch gelesen habe ich immer ausserordentlich viel in den WK. Hätte ich mehrere Werke von Dostojewski jemals gelesen, wenn ich nicht so viel Zeit gehabt hätte im WK?

Voilà – das Militär aus individueller Perspektive.

Edit: Als wir in der RS von Rekruten zu Soldaten gemacht wurden – das ist auch so ein ‚festlicher Akt‘ – musste man eine Schwur leisten. Der Schwur wurde aber im Kollektiv geleistet – es wurde etwas aufgesagt (irgendwie: Ich gelobe die Schweiz zu verteidigen, notfalls mit meinem Leben. – Oder so ähnlich) und man musste im Chor antworten „ich schwöre!“. Dann hiess es „Achtung Rekruten!“ … man ging in die Achtung-Position, darauf folgte „Run Soldaten!“… da war man dann Soldat.
Was ich nicht begreife: Ich habe nie irgendetwas geschworen (ich schwöre prinzipiell nichts, dass ich nicht auch bereit wäre zu halten – mein Leben für ein Abstraktum wie „die Schweiz“ zu lassen gehört nicht dazu) – und doch wurde ich fortan als Soldat behandelt. War ich nun wirklich Soldat (ohne Schwur) oder doch nicht? Warum wird dann überhaupt geschworen, wenn ich trotzdem Soldat war?

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