#122 Schweizer Wahl-Unrecht – Zwergkantone


Ich kann mich wirklich immer wieder darüber aufregen: Das legalisierte Unrecht im Schweizer Politsystem. Völlig unverständlich, ungerecht und undemokratisch ist der zur Bevölkerung und zum wirtschaftlichen Beitrag absolut disproportionale Ständerat – das ist bekannt. Weniger bekannt ist aber die demokratische Posse im Nationalrat.

Im Nationalrat sind die kleinsten Kantone übervertreten und manche grossen Kantone leicht untervertreten. Diese Verzerrung entsteht durch die Festlegung der Nationalratsgrösse auf fixe 200 Sitze und das Recht auf mindestens einen Sitz pro Kanton. Auch dies dürfte allgemein bekannt sein.

Was aber oft nicht bekannt ist: Die Kantone mit nur einem Nationalrat (UR, OW, NW, GL, AR, AI) wählen diesen nach einfacher relativen Mehrheit (First past the post). Das bedeutet, dass ein gewählter Nationalrat aus z.B. Glarus evt. nur von 40% der Glarner gewählt wurde – bei gleichzeitig 60% Glarner die ihn gerade NICHT haben wollten.

So sind die Zwergkantone…

1. Durch Ständerat massiv über ihren Bevölkerungsanteil und ihre wirtschaftliche Bedeutung hinaus vertreten/bevorteilt.
2. Im Nationalrat über ihren Bevölkerungsanteil und ihre wirtschaftliche Bedeutung hinaus vertreten.
3. Im Nationalrat die Parteienvertretung verfälschend.

Warum wird in diesen Kantonen kein geeignetes Wahlverfahren angewandt? Möglich wären IRV (Alternativstimme) oder wenigstens eine 50% Quote (mit 2. Wahlgang bei nicht-erreichen).

UPDATE!
Lukas Leuzinger hat die Problematik des Wahlsystems nach relativer Mehrheit (einmal mehr) aufgenommen. Er tut das konkret am Beispiel des zufälligen Wahlausgans der Nationalratswahlen von Obwalden – und zwar sehr viel lesbarer, objektiver und viel fundierter als ich es kann: http://napoleonsnightmare.wordpress.com/2013/01/16/relativ-willkurlich/

3 Gedanken zu „#122 Schweizer Wahl-Unrecht – Zwergkantone

  1. Du scheinst dich auf die kleinen Kantone eingeschossen zu haben.🙂

    Du machst aber hier einen Denkfehler (oder vielleicht einen Rechenfehler). Schau dir die Zahlen der letzten Nationalratswahlen in Zürich an (ich habe die Zahlen gerundet und als Beispiel Frau Rickli mit den meisten Stimmen auf der Liste der SVP genommen.).
    Abgegebene Stimmen rund 410’000
    Stimmen für Rickli Natalie (SVP) 145’000
    Stimmen für Rickli Natalie in Prozent 35%
    Als wollten 75% eben NICHT diese Frau.
    Das ist ja schlimmer als in deinem Beispiel aus dem Kanton Glarus.

    • Ups, ….. Rechnen scheint nicht meine Stärke zu sein, ich meinte natürlich:
      65% wollten diese Frau nicht.

  2. Hallo Fraxa! Jetzt hast du mich auch gleich etwas verwirrt… Aber du vermischst hier zu viel: Zürich hat eine Listenwahl, du kannst deshalb nicht direkt auf den Vergleich mit den Kandidaten abzielen – du müsstest die Parteien vergleichen.

    Partei X macht 40% der Stimmen im Kanton und sollte in der Folge auch ca. 40% der Kantonsmandate erhalten. Es ist hier eben nicht möglich, dass die Partei X mit nur 40% der Stimmen plötzlich alle 34 Sitze des Kanton Zürichs bekommt.

    Was du ausser Acht lässt: In Zürich (bzw. allen Proporz-Kantonen) ist niemand gezwungen strategisch zu wählen – jeder kann (meistens) einfach seine Lieblingspartei wählen – ohne sich gross Sorgen zu müssen, damit evt. ungewollt einen Widersacher zu unterstützen. In den Majorz-Kantonen ist das mit FPTP aber nicht gegeben – hier ist man gezwungen strategisch zu wählen und viele entscheiden sich deshalb für das geringste Übel und nicht für die Lieblingspartei (weil man sonst eben indirekt evt. einen Widersacher unterstützt). Es GIBT aber Wahlsysteme die auch bei Majorzwahlen dem (echten) Volkswillen besser zur Geltung verhelfen.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s