#125 Der Schweizer Siedlungsbrei (3 Karten)


Die Schweiz hat zwar knapp acht Millionen Einwohner, jedoch keine Millionenstadt. Die grösste Stadt ist (mit grossem Abstand) Zürich mit über 390’000 Einwohner – insgesamt sind sechs Städte mit über 100’000 Einwohner zu zählen, dazu kommen vier weitere mit je über 50’000 Einwohner. Das war es dann auch schon – was man an selbstverwalteten Gemeinden in der Schweiz ‚Stadt‘ nennen kann.

Doch der Blick bloss auf die administrative Einheit der Gemeinde versperrt den Blick für die zusammengerückten und miteinander verwachsenen Siedlungsgebiete. Mit der folgenden Karte habe ich versucht die Verstädterung – und die wenigen verbliebenen Dörfer – sichtbar zu machen.
Deutlich wird vor allem, dass unter ‚Verstädterung‘ hierzulande gerade NICHT die Bildung von dichten und grösseren Städten zu verstehen ist, sondern ein amorpher Siedlungsbrei über das ganze Land hinweg.

CH_Stadt-Dorf

Für eine exakte Analyse wäre die eigentliche Siedlungsfläche zu berücksichtigen – diese Daten fehlen mir aber; mir verfügbar waren die Gemeindeflächen, als auch die Einwohnerzahl jeder Gemeinde (Stand 2010).
Durch die Kombination von Populationsdichten [Farben] und Einwohnerzahl [Schraffur] ist es dennoch möglich störende Effekte kenntlich zu machen. Beispiel Glarus: Durch die grosse Gemeindefusion des Kantons zu bloss drei Gemeinden sind sehr grosse Gemeinden von ansehlicher Einwohnerzahl bei gleichzeitig sehr geringer Populationsdichte (nebst der blossen Fusion kommen auch noch Berggebiete dazu) entstanden. Anhand der hellgrünen Färbung (= geringe Populationsdichte = potentiell ländlich/’dörflich‘) und der Schraffur (= teils über 10’000 Einwohner in einer Gemeinde! = nicht mehr als ländlich zu bezeichnen) sollte beides erkennbar sein.

Als Stadt oder städtisches Gebiet zähle ich die schwarzen und dunkelorangen Flächen. Als Siedlungsbrei sind alle orangen, beigen und schraffiert-grünen Flächen zu betrachten, wobei manche orange Flächen evt. dennoch städtisch sein können und es in grossen grünen Flächen immer auch viel Freiland (= ländlich, aber nicht zwingend ‚dörflich‘) gibt.

Echte Dörfer (mit weniger als 300 Einwohner) findet man nur noch in den gepunkteten Gebieten – oder allenfalls als Weiler grösserer Gemeindeflächen.

Bisher unterschätzt habe ich tatsächlich Basel – die Stadt umfasst praktisch den halben Kanton Basel-Landschaft!

Mein Fazit: Anstatt dass man einige wenige richtige Städte (mit 500’000+ Einwohner) geschaffen hat und dabei viele schöne Dörfer und sehr viel Kulturland erhalten hätte, haben wir nun weitestgehend einen Siedlungsbrei von Gemeinden mit 2000 bis 10000 Einwohner – das sind keine Dörfer und es sind keine Städte: Es sind seelenlose Einfamilienhausghettos, Wohnwüsten ohne Arbeitsstellen – und diese Wohnwüsten haben uns auch um echte, lebendige, kreative, pulsierende Städte gebracht.

Edit: Der Punkt mit dem Kulturland ist keine Nebensächlichkeit. Unsere Siedlungen wachsen ausgerechnet in den Gebieten mit den fruchtbarsten, ertragreichsten Böden. Bauern spielen ein durch und durch verlogenes Spiel, wenn sie einerseits ihren Boden verkaufen und überbauen lassen und andererseits in der Subventionspolitik mit der Versorgungssicherheit argumentierten.

UPDATE!
Ich habe die Populationsdichte etwas neutraler gestaltet – mein Punkt wird nicht so deutlich, dafür sind die Karten weniger manipulativ oder willkürlich.
Zuerst die vier grössten Städte der Schweiz: Zürich, Basel, Genf und Lausanne – mit Umland. Ganz unten nochmals die ganze Schweiz. (Die Massstabsangabe ist natürlich nicht korrekt [hängt von Bildschirmgrösse/-auflösung und Vergrösserung ab] – er dient bloss zur Vergleichbarkeit der vier Karten).

city_CH_pop_grey CH_pop_grey

Ein Gedanke zu „#125 Der Schweizer Siedlungsbrei (3 Karten)

  1. Ja, der gesichtslose Siedlingsbrei vom Bodensee bis nach Genf ist wohl allen bekannt. Dies ist sicher teilweise auf die kleinräumigen Gemeinden und das Gemeindedenken oder besser gesagt „eigenes Gärtlein“ – Denken zurückzuführen. Ich bezweifle allerdings, dass dies bei einer Zusammenlegung von Gemeinden wirklich anders / besser wäre. Mir fehlt auch in den wenigen wirklichen Städten eine visionäre Planung.
    Wie generell auch bei den Menschen heute von einem Einheitsbrei geredet werden muss. Oder wo sind die Visionäre in der Politik, in der Kultur oder in der Wirtschaft? Na gut, am ehesten noch in der Wirtschaft. Aber auch da sind sie an einer Hand abzuzählen.

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