#143 mit Religiösen über Religion sprechen – Vorbedingung


Über die Sache Gott und Religion streite ich mich immer mal wieder gerne mit Bekanntschaften. Und wenn ich „streite“ schreibe, so meine ich damit weniger eine Eskalation der Gehässigkeiten, sondern ein engagiertes und pointiertes Gespräch. Und ich geniesse das auch sehr – ich streite mich gerne (auch wenn ich nicht unbedingt besonders gut darin bin…).

Allgemein halte ich es so, dass ich meine Überzeugung nicht von mir aus ausbreite – wenn ich aber zum Thema angesprochen werde, oder wenn ich gröbste Pauschalisierungen oder Vereinnahmungen höre, dann antworte ich auch und verstecke meinen Atheismus auch nicht.

Mal um mal muss ich aber feststellen, wie geistig unflexibel diese Gläubige in aller Regel sind. Unglaublich stur setzen sie ihre Behauptungen als gegebenen Fakt voraus und sind nicht fähig einfach mal vorläufig einer hypothetischen Alternative zu folgen.

Beispiel

CHRIST: Schau dir doch an, wie gut wir es in Europa haben. Andere Erdteile – ohne Christentum – haben es nicht so gut.

ICH: Die Vorzüge die wir hier geniessen sind aber nicht religiösen Ursprungs. Uns geht es gut, weil wir in Demokratien leben, weil wir eine Aufklärung erlebt haben, weil es einen Wettstreit der guten Ideen/Meinungen gibt (die man auch frei äussern kann).

CHRIST: Alles was du genannt hast stammt aber auch – als Keim – aus dem Christentum. Fakt bleibt: z.B. eine Aufklärung fand im CHRISTLICHEM Europa statt. Wenn du diesen Zusammenhang abstreitest, dann musst du auch eine alternative Erklärung bieten!

MEIN GEDANKE: Selbstverständlich haben auch christliche Denker an der Aufklärung mitgewirkt, auch war die Reformation einer der ganz grossen Impulsgeber – alles unbestritten. Dennoch musste jeder noch so kleine Fortschritt aufs Bitterste von der christlichen Religion und ihren Hohepriestern abgerungen werden. Und ob die Inhalte deswegen gleich „christlich“ zu nennen sind bezweifle ich doch sehr – standen sie doch in Konflikt zum etablierten Christentum. Weiter gibt es unbestreitbar auch Vorbedingungen für BEIDE Entwicklungen : Reformation UND Aufklärung waren so nur möglich dank technischen Errungenschaften wie dem Buchdruck, was die Kausalität Christentum -> Aufklärung schon sehr stark in Frage stellt.

ICH: Auch deine Erklärung ist erstmal einfach eine Behauptung deren Ursächlichkeit du nun belegen müsstest. Ich kann selbstverständlich eine Gegenbehauptung – zu deren Korrektheit ich aber nichts weiss – formulieren.

CHRIST: (völliges Unverständnis, weil ich seine Äusserung als Behauptung bezeichnet habe. Unterbricht mich mehrfach, will meine Gegenbehauptung eigentlich gar nicht hören)

ICH: Eine Alternativerklärung könnte sein, dass Europas extrem reiche kulturelle Vielfalt auf kleinstem geographischem Raum genügend Reibungsflächen und Raum für interkulturellen Austausch (auch über Handel) bot, so dass ein Bewusstsein für die Vielfältigkeit von Menschen und menschlichen Ansichten geschaffen wurde. Und aus diesem Bewusstsein (und der demonstrativen Kraft von Konflikten – die aus der Vielfältigkeit hervorgingen) keimte der Wunsch oder die Einsicht, dass man einen rationalen Umgang* miteinander pflegen sollte. Wie auch immer, ich behaupte nicht dass dem genau so sei, ich möchte dir nur zeigen, dass Alternativen sehr wohl denkbar sind.

CHRIST: Aber trotzdem war Europa christlich…

ICH: (Bluthochdruck & Verlust der Achtung des intellektuellen Leistungsvermögens des Christs)

* rationalen Umgang: Macht ist aufzuteilen, andere Ansichten dürfen auch laut geäussert werden, eine Stimme pro Bürger, etc.

Aus solchen Erfahrungen drängt sich mir ein Gedanke nach Vorbedingungen auf.

Ein Gespräch über die Religion eines Religiösen ist nur möglich, wenn der Religiöse einen fundamentalen Test besteht: Er soll hypothetisch seine Religion und/oder Religionsinhalte (von denen er überzeugt ist) als falsch, Lüge oder Irrtum darstellen und auch Hypothesen formulieren wie es dazu kommen konnte.

Zum Beispiel soll ein Christ – halbwegs glaubwürdig – darstellen können, dass Jesus keine historische Person ist (egal ob das korrekt ist oder nicht!). Oder er soll Alternativerklärungen zur Auferstehungslegende formulieren können.

Wenn ein Gläubiger solche konträre Behauptungen NICHT denken, aussprechen, hypothetisch vertreten kann, dann ist ein fruchtbares Gespräch ohnehin nicht möglich.

ERGÄNZUNG:

Oben nenne ich „einen fundamentalen Test“. Das könnte so etwas wie die minimale Gesprächsvoraussetzung sein. Möchte man aber wirklich etwas ernsthafter über Glaubensinhalte sprechen, so braucht es eigentlich eine weitere Vorbedingung: Der Religiöse muss klar aufzeigen, unter welchen Bedingungen er seine Religion als Irrtum, Lüge oder einfach Falsch verwerfen müsste.

– Das ist notwendig, weil der Religiöse gezwungenermassen nach „Beweisen“ für die Nicht-Existenz Gottes, nicht-100-Prozentige Historizität Jesu, etc. fragen wird (was aber oft nicht möglich ist: Abwesenheit lässt sich nicht beweisen. Deshalb muss man Anwesenheit belegen, wer Anwesenheit/Existenz behauptet trägt die Beweislast). Üblicherweise werden Religiöse nicht nach der Falsifizierbarkeit gefragt und man wird praktisch immer feststellen, dass ihre Ansichten 100 prozentig immunisiert sind: NICHTS kann sie vom Gegenteil überzeugen (nicht einmal hypothetisch – ALLES wird als Beleg der eigenen Überzeugung zurechtgebogen, solche Absurdheiten können übrigens sehr sehr weit gehen) – was natürlich einigermassen witzlos für ein Streitgespräch ist…

– Unglaublich mühsam ist – bei Laien – halt oft auch das fehlerhafte Verständnis von „Beweisen“ in historischen Belangen (nicht das ich ein Experte wäre…). Ein „Beweis“ ist/meint – gerade soweit zurück – in der Geschichte etwas völlig anderes als ein naturwissenschaftlicher Beweis. Der Durchschnittsgläubige begreift es einfach NIE, dass es bei Geschichte immer nur um Plausibilitäten gehen kann: Die Historizität Jesu ist bei weitem nicht so felsenfest wie das Gläubige gerne meinen – TROTZDEM ist es einigermassen plausibel, dass da mal wer/etwas war, aber eben nur „irgend etwas“. Ockhams Razor ist in dieser Frage ziemlich brutal, auch für Jesu-Zweifler (es gibt ja auch keine konkreten Belege FÜR eine Fabrikation dieser Figur), übrig bleibt letztlich nur dieses „irgend etwas war da mal“ – inhaltlich kann man NICHTS dazu sagen. Aber wie gesagt: Durschnittsgläubige begreifen das nie… die reden weiter von „unumstösslichen Belegen“, von „verlässlichen Zeugen“ (das finde ich besonders lachhaft – es zeigt auch wieder eine gewisse Faktenresistenz) oder von „unverfälschten Quellen aus erster Hand“ (oh weh, oh weh…).

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