#150 Andreas Thiel „Der Schatten des Ostens“

Im Zuge der Eskalation der Interview-Sendung von Roger Schawinski gewinnt Thiels Text aus der Weltwoche aus Woche 48 wieder an Aktualität und ich möchte den Faden aufnehmen.

Zur Schawinski-Sendung nur soviel: Thiels Frage nach der religiösen Verortung Schawinskis finde ich in keinster Weise unangemessen – wann wenn nicht in einem Gespräch zu Glaubensinhalten und -grundlagen darf diese Frage gestellt werden? Thiel hat völlig zu Recht(!) danach gefragt – für den Zuschauer soll/muss doch transparent sein, welche „Interessen“/Perspektive von den Akteuren der Sendung vertreten werden.

Nun mag Thiels Formulierung mit „Papierjude“ etwas gar salopp – und vermutlich absichtlich zur Entgleisung des Gesprächs – gewählt gewesen sein. Doch Schawinskis hilflose Ausflucht Weiterlesen

#140 Inseln im Religionsgefüge

Heute wurde in r/mapporn eine ästhetisch sehr ansprechende Karte präsentiert – sie zeigt quasi die Verbreitung von Religionen in der Welt (quasi, da eigentlich nur nach der „Wichtigkeit“ von Religion im Alltag gefragt wurde).

religions-rgb[1]Quelle: khakhalin, Reddit

In der Überschrift des Threads wurde schon auf eine Spezialität hingewiesen: Die Buddhisten in Europa sind auf der Karte erkennbar – die Kalmücken im Kaukasus. Weiter im Thread wurden dann weitere solche „Unregelmässigkeiten“ oder eben „Inseln“ genannt (nicht alle sind auf der Karte sichtbar).

Um der Allgemeinbildung willen fand ich es wert, die Irregularitäten nochmals hier aufzulisten (weitere Infos finden sich in der englischsprachigen Wikipedia):

Die Kalmücken – Buddhismus in Europa.

Bali – Hinduismus in Indonesien.

Meghalaya & Mizoram – Christentum in Indien.

Nagaland – wie Meghalaya & Mizoram Christentum in Indien, aber hier mit Mehrheit von Babtisten.

Tschechien – Säkkulare in Europa (sehr gut sichtbar in der Karte). Artikel: Religion in Tschechien.

#139 Eine Erinnerung zur PRISM-Affaire

Allgemeine Erklärung der Menschenrechte
Artikel 12
Niemand darf willkürlichen Eingriffen in sein Privatleben, seine Familie, seine Wohnung und seinen Schriftverkehr oder Beeinträchtigungen seiner Ehre und seines Rufes ausgesetzt werden. Jeder hat Anspruch auf rechtlichen Schutz gegen solche Eingriffe oder Beeinträchtigungen.

(ohchr)

Nur damit die wirkliche Schwere des Übergriffs, ob all der lakonischen „das war schon lange klar“ und „das ist alles legal und innerhalb der parlamentarischen Ordnung eingerichtet“ -Kommentare, nicht völlig vergessen geht.

Die pauschale Überwachung ist immer willkürlich und weil sich solche Aktionen auch immer mit Geheimhaltung schützen, wird auch der zweite Teil des Artikels verletzt – es gibt keinen rechtlichen Schutz (und schon gar nicht für Nicht-US-Bürger).

Klar, man ist etwas abgestumpft – frei erfundener Anlass zur Invasion des Iraks, Abu-Ghuraib-Gefängnis, Guantanamo-Gefängnis, Drohnenkrieg, … sind ja auch bloss die neuesten Verfehlungen (und sind wohl sogar als etwas harmloser einzustufen, als das was die USA Südamerika in ihrer Antikommunismus-Frenzy angetan haben).

NACHTRAG:

Man muss den Übergriff der Amerikaner auch vor dem Hintergrund ihrer eigenen Ansage sehen: Jeder fremde Hack gegen US-Institutionen werde als kriegerischer Akt gedeutet – und man behalte sich auch explizit vor, diesen militärisch-konventionell zu vergelten(!).
(Eine Referenz: online.wsj.com/article/SB10001424052702304563104576355623135782718.html)

Nach ihren eigenen Massstäben haben sie also Kriegsakte gegen uns verübt. Der (beinahe) harmlose Ausweg der Motivation „Hei, lass uns doch mal lauschen was die Europäer so treiben – hihi“ fällt also mit Sicherheit weg. Die Motivation ist – bewertet nach der eigenen Ansage – viel mehr: „Europa ist unser Feind, jetzt ziehen wir in den Krieg“.

NACHTRAG 2:

Passend zu meinem Kommentar: Stasi vs. NSA (zeigt die Dimensionen)

#137 Ekstase, Rausch & Trance

Wo Religion eine (menschlich, kulturell) wichtige Rolle spielen könnte und sollte, tut sie es bei uns gerade nicht. Unsere lahmen, zivilisierten Hippie-Jesus Kirchen leisten allenfalls noch etwas in der Armenfürsorge – ansonsten sind sie bedeutungslos. Zum Glück vielleicht.

Ich finde es aber doch recht auffallend, dass die ursprünglichen Religionen – überall in der Welt – immer auch für die ekstatischen Belange zuständig sind. Nur im Christentum – und eigentlich sogar nur im westeuropäischen Christentum (us-amerikanische charismatische Strömungen und Orthodoxie teilweise kennen Ekstase nach wie vor) – haben die Kirchen diesen Teil des Mensch-seins und der Gemeinschaft systematisch unterdrückt, ausgerottet oder wenigstens aus ihrem Zuständigkeitsbereich verbannt.

Gar nicht selten hört man von Kirchenvertretern verurteilende Worte über sogenannte Ersatzreligionen: Fussball, Saufgelage und ähnliches. Auf mich wirkt das reichlich ironisch – waren es doch gerade die Kirchen selbst, welche diese fundamental menschlichen Bedürfnisse nicht mehr abdecken wollten.

Mit Interesse und Freude suche ich auf Youtube manchmal entsprechende Belege Weiterlesen

#136 Sollen Kinder religiös erzogen werden? (SRF – Sternstunde Religion)

HINWEIS: Da dieser Artikel gerade das x-fache an den sonst üblichen Zugriffszahlen dieses Blogs verzeichnet… fühle ich mich doch genötigt auf den Tweet hinzuweisen, mit dem ich diesen Post beworben habe: „Mein Senf zur Sternstunde Religion von gestern – (nur Senf – keine inhaltliche Analyse)“. Wer hier eine Besprechung der Sendung sucht, den muss ich enttäuschen – ich schildere bloss meinen Eindruck und gebe einige Kommentare ab.

Valentin Abgottspon traf in der Sternstunde Religion des SRF auf zwei Vertreter der ‚weichspühl Religionen‘ und man darf sich sicher glücklich schätzen, dass gerade Abgottspon unser ‚Vorzeigeatheist‘ ist. Gerade in einer solchen Runde, bei der die Religionsvertreter (eine Jüdin und ein Christ) betont gelassen und tolerant auftreten (und vor dem vermuteten ‚kultivierten‘ Publikum der Sendung), ist Abgottspons unaufgeregtes Auftreten sicher wirksamer als es der übliche, mit Spitzen (und Zoten) um sich werfende ‚Krawallatheist‘ sein könnte.

Klar – die Diskussionen an denen MSS teilnimmt sind kurzweiliger: MSS ist ein Schlachtross und ein absoluter Überflieger was die Rhetorik (und Sprachwitz allgemein) angeht. Trotzdem fand ich Abgottspons ‚Methode‘ sehr angebracht: Weiterlesen

#133 Die Bevölkerungsverteilung auf Gemeindestufe (1 Karte)

Der Artikel von gestern (#132) wurde doch ziemlich rege besucht – deshalb lege ich nochmals zum Thema nach. Bei Philippe Wampfler findet man (nebst seinem eigenen Reformvorschlag) einige weiterführende Dokumente zu existierenden Reformvorschlägen (des Ständemehrs) aus der Politikwissenschaft, sowie einige lesenswerte Kommentare dazu.

Grundsätzlich hat man zwei Optionen: Weiterlesen

#132 Das Ständemehr einmal mehr in der Kritik – mein Update (5 Karten, 4 Diagramme)

UPDATE: Interaktive Übersichtsseite von mir (meine erste Bastelarbeit mit D3.js).

Meine gute alte Übersicht zeigt eigentlich noch immer alles Relevante – deshalb bringe ich sie nochmals, gleich hier an erster Stelle:

Bevölkerung der Kantone und Kantonsanteile an der Gesamtbevölkerung - 2009

Bevölkerung der Kantone und Kantonsanteile an der Gesamtbevölkerung – 2009

Als gemorphte Karte sieht die Bevölkerungsverteilung folgendermassen aus:

mittlereWohnBevDies ist also die Realität. So leben die Menschen in der Schweiz, welche Weiterlesen

#131 Künstlich versus natürlich

Weil es so oft vergessen geht:

artificial[1]Quelle: abstrusegoose/215

Auch stirbt immer etwas in mir, wenn ich jemanden sagen höre: „Chemie ist einfach ungesund!“ oder „Das riecht/schmeckt so chemisch.“ oder (hört man heute praktisch nicht mehr) „Ich esse nichts mit Genen drin!“

#128 Volk, Staat, Land oder Nation?

Manchmal hätte man einfach gerne Klarheit – gerade wenn es um ganz simple Dinge aus dem alltäglichen Leben geht. Eine grosse Verwirrung finde ich aber in vielen Texten um die Begriffe Volk, Staat, Land und Nation – am ärgsten steht es um ‚Nation‘.

Oberflächlich scheint alles klar und eindeutig zu sein (und so kann man es auch in Lexika nachschlagen): ‚Volk‘ ist ein vieldeutiger Begriff, meistens verstehen wir aber die Gesamtheit der Bevölkerung eines Landes darunter; der ‚Staat‘ ist der aus dem Zusammenwirken verschiedener Institutionen resultierende Apparat, der das Zusammenleben von Menschen in einem Territorium regelt; ‚Land‘ ist zuallererst einfach Boden, im Zusammenhang hier versteht man aber praktisch immer das Territorium eines Staates – das Staatsgebiet – darunter; ‚Nation‘ schliesslich ist der – vermeintlich – eindeutigste Begriff in dieser Reihe: „Gemeinschaft von Menschen gleicher Sprache und Kultur, die in einem Staat leben.“ Ironie an der Nationsdefinition ist natürlich das „in einem Staat leben“ – man kann wohl kaum in einem „… resultierenden Apparat“ leben. In der Wörterbuchdefinition von ‚Nation‘ wird also ‚Staat‘ schon einmal Synonym für ‚Staatsgebiet‘ (oder ‚Land‘) benutzt! (Wörterbuch: Volk, Staat, Land, Nation)

Kaum kratzt man aber an der – hauchdünnen – Oberfläche, so versteht man überhaupt nichts mehr… Nicht gerade hilfreich ist auch, dass alle vier Begriffe als Synonyme zueinander verwendet werden und besonders irritierend, wenn Begriffe nicht als Begriff sondern nur als Namen benutzt werden (‚Staatssteuern‘ in der Schweiz sind eigentlich Kantonssteuern; Schottland, Wales und England sind ‚Länder‘ des Landes Vereinigtes Königreich und Nordirland; die Schweiz bezeichnet sich als (Willens-) Nation obwohl es zwei von drei Kriterien der Nationsdefinition nicht erfüllt [Hinweis: ‚Willensnation‘ ist schon zutreffend – ich komme auf den Fehler in der Nationsdefinition noch zu sprechen]).

Wer jetzt meint ich erzähle hier doch Quatsch und das alles sei doch nicht so kompliziert der beantworte folgende Fragen: Weiterlesen

#126 Schweizer Siedlungsbrei – Versuch 2

Bei meinem letzten Versuch die Populationsdichte oder Siedlungsdichte der Schweiz darzustellen hat mir etwas keine Ruhe gelassen: Die (theoretische) Besiedlungsfläche.

Die Siedlungsdichte ist eine sehr vage Grösse – oft massgeblich durch willkürlich gezogene Gemeindegrenzen bestimmt (besonders deutlich bei Lausanne oder Bern – beides recht dichte Städte mit grossen Ländereien oder Waldanteil auf dem Gemeindegebiet). Gegen diese Verzerrung kann ohne die Daten der effektiven Siedlungsflächen kaum korrigierend eingegriffen werden. (edit: The Economist hat eine kleine Grafik zu genau diesen Diskrepanzen publiziert: Demography is Density)

Ebenfalls verzerren unproduktive bzw. unbesiedelbare Gemeindegebiete das Bild. Beispielsweise Seeflächen vergrössern das Gemeindegbiet und senken die Siedlungsdichte massiv. Ähnliches gilt für steile Bergflanken – welche in der Schweiz sehr viel Boden besetzen. Gegen diese Form der Verzerrung kann man aber korrigierend eingreifen – ich habe die betreffenden Gebiete einfach von den Gemeindeflächen subtrahiert. Besonders interessant ist dies natürlich für die Bergkantone Weiterlesen